Wir sind Natur

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07-05-19 09:17:00,

In der Medizin gelten Menschen, die ihre eigene Existenz gefährden, als dringend behandlungsbedürftig. Deshalb brauchen wir ein umfassenderes Verständnis von Nachhaltigkeit, das beim Menschen ansetzt und folgenden drei Aspekten auf den Grund geht: unserem Verständnis von Leben, unserem Verhältnis zur Natur und unserem Verhältnis zu uns selbst als körperlich-geistige Wesen.

Die Hauptursache der Krisen der modernen westlichen Gesellschaften, so der humanistische Psychologe Erich Fromm, liegt in der Unfähigkeit des Menschen, sein Leben, sich selbst und sein Glück ernst zu nehmen. Ob unsere Epoche zu einer Epoche des Übergangs oder Untergangs wird, so Fromm, hängt vom Mut von uns allen ab, wir selbst und um unserer selbst willen zu sein (1). Wie unser Umgang mit der Natur und unsere Unfähigkeit, wir selbst zu sein, zusammenhängen könnten, soll im Folgenden untersucht werden.

Die innerste Natur alles Lebendigen, so Fromm, ist die Bejahung der eigenen Existenz. Selbst dem einfachsten Organismus wohnt die Tendenz inne, die eigenen Möglichkeiten zu verwirklichen und damit voll und ganz er selbst zu sein. Fromm nimmt hier etwas von dem vorweg, was die Neue Biologie jetzt mehr und mehr erkennt: Tiere und Pflanzen sind uns näher, als wir bisher dachten. All das, was einen gesunden Menschen ausmacht — zu fühlen, sich zu entfalten, seine Identität zu bewahren und kreativ zu sein —, ist schon im kleinsten Organismus angelegt. Anders als in der Biologie Darwins sind Tiere und Pflanzen keine genetisch gesteuerten, biochemischen Automaten. Es sind empfindende Wesen, denen ihr Leben etwas bedeutet. Sie erleben diese Bedeutung als innere Betroffenheit und bringen sie körperlich zum Ausdruck (2).

Einzellige Pantoffeltierchen unter einem Mikroskop fliehen vor dem Säuretropfen, den man zu Beobachtungszwecken unter das Deckglas gibt, und versuchen ihm zu entkommen. Werden sie von der Säure eingeholt, krümmen sie sich zusammen und winden sich hin und her, bis der Kampf vorbei ist und sie als tote Gestalten im Wassertropfen treiben.

Die Urform unserer eigenen Subjektivität ist schon in der Subjektivität einer Zelle angelegt. Sie hat einen „inneren Standpunkt“, ein „Kernselbst“, das ihre Erfahrungen bewertet, indem es sie als gut oder schlecht erlebt, und darauf reagiert. Eine Zelle ist „intelligent“ (lateinisch: „intellegere“, auswählen), weil sie auswählen und damit eine Entscheidung treffen kann. „Leben“, so der chilenische Biologe und Kognitionsforscher Francisco Varela, „ist der andauernde Vorgang, eine Identität aufzubauen“ (3). Eine Zelle stellt ihre Identität her,

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