Mut zur Stille

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08-05-19 08:21:00,

Wir kommunizieren, was das Zeug hält. Emojis, Fotos, Bildchen und GIFs umkreisen in Sekundenschnelle den Planeten und teilen der Welt mit, was wir gerade erleben, denken, fühlen, glauben. Raus damit! Ob in virtuellen oder in privaten Gesprächsrunden: Vor allem zählt, wie ich die Dinge sehe. Wie ist meine Meinung zu den Geschehnissen? Wie würde ich mich in dieser oder jener Situation verhalten? Wo sehe ich Recht und Unrecht?

Mein Gegenüber bietet mir die Grundlage für meine Argumente. Wenn jemand spricht, lege ich mir im Geiste zurecht, was ich auf das Gesagte erwidern kann — und vergesse darüber das Zuhören. Denn beides zusammen funktioniert nicht. Ungeduldig trippele ich in Diskussionen vor mich hin und kann es kaum erwarten, dass der andere ausredet.

Bei Brennpunktthemen laufe ich zu sportlichen Höchstleistungen auf: Ich fange das Stichwort auf, das der andere mir zuwirft und schlage den Ball zurück, indem ich seine Darstellung als Trampolin für meine eigenen Ausführungen benutze. Ich bekomme Herzklopfen, rote Wangen und heiße Ohren, schnappe nach Luft und schlage gelegentlich mit der Faust auf den Tisch.

In diesem Wettkampf begegnen wir einander nicht wirklich. Ein offenes Miteinander kann nur dann entstehen, wenn ich es lerne, dem anderen zuzuhören und mir ins Bewusstsein zu rufen, dass Kommunikation ebenso viel aus Reden wie aus Schweigen besteht. Ein Sender macht keinen Sinn, wenn es keinen Empfänger gibt und niemand seine Antennen nach ihm ausrichtet.

In meinem südfranzösischen Dorf gibt es eine rege Gesprächskultur. Nordlichter finden sich oft nur schwer in ihr zurecht, nicht nur wegen der Sprache. Alles redet laut durcheinander. In dem Wirrwarr der Stimmen habe auch ich Probleme, zu Wort zu kommen. Ich brauche Blicke, die mir zugewandt sind und eine gewisse Stille. Doch die gibt es bei meinen temperamentvollen Nachbarn nicht.

Um erhört zu werden, gibt es verschiedene Strategien: Mancher versucht es mit einer durchdringenden Stimme, ein anderer redet unerschrocken einfach so lange weiter, bis man ihm zuhört. Das Resultat macht Lärm. Als es wieder einmal besonders lebhaft zuging, griff sich jemand den erstbesten Gegenstand, den er zwischen den Gläsern fand, hielt ihn triumphierend in die Höhe und rief „Hibou“! Seitdem ist die Eule aus Messing zum geflügelten Wort geworden und sorgt auch dann für Gehör, wenn sie nicht greifbar ist.

Lange funktioniert das mit dem Zuhören jedoch nicht.

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