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14-05-19 12:13:00,

Verweigerte Ermittlungen, nicht gehörte Zeugen, verschleppte Entschädigung: Der deutsche Umgang mit dem belasteten Erbe der deutsch-chilenischen Sekten- und Folter-Kolonie macht fassungslos – ebenso wie kürzlich ergangene Entscheide der Justiz. Die Geschichte der deutschen Verstrickung mit dem Pinochet-Regime erscheint zudem durch Deutschlands aktuelle Politik zu Venezuela von Relevanz. Von Tobias Riegel.

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Die Unabhängigkeit der Justiz ist ein hohes Gut. Darum sollten Entscheide von Gerichten oder auch Staatsanwaltschaften nicht darum diffamiert werden, weil sie einem nicht ins politische Konzept passen. Aber es gibt auch Entscheide, deren Vorgeschichte ist so unseriös und sie werden dem Bedürfnis nach Aufarbeitung so offensichtlich nicht gerecht, dass sie einer Überprüfung bedürfen. Die vor einigen Tagen eingestellten Ermittlungen gegen Hartmut Hopp sind ein solcher Vorgang – ebenso die Entscheidung, chilenische Gerichtsurteile zu seiner Person nicht umsetzen zu wollen. Hopp war Arzt und Führungsmitglied der 1956 von Paul Schäfer in Chile gegründeten „Colonia Dignidad“.

In einem Prozess in Chile war Hopp bereits wegen Beihilfe zu sexuellem Kindesmissbrauch zu einer Haftstrafe verurteilt worden, wie Medien berichten. Die Strafe darf jedoch in Deutschland nicht vollstreckt werden, wie das Oberlandesgericht Düsseldorf vergangenes Jahr entschied: Dass Hopp Teil der Sektenleitung war und an der Gründung eines Internats mitwirkte, reiche nach deutschem Recht nicht für eine Verurteilung in dem Fall aus: Hopp bleibt also ein freier Mann.

Sekten-Lager des Schreckens – mit deutschem Wissen

Die „Kolonie der Würde“ war ein Sekten-Lager des Schreckens. Zahlreiche Familien und ihre Kinder wurden ihrer Freiheit beraubt, sexuell und materiell ausgebeutet, körperlich malträtiert und (mutmaßlich/angeblich durch den Lager-Arzt Hopp) mit Medikamenten ruhig gestellt. Zudem gab es eine enge Zusammenarbeit zwischen der Kolonie und dem Regime unter Augusto Pinochet nach dessen Putsch von 1973: So wurden auf dem Gelände der Kolonie Oppositionelle gefoltert. All das war dem deutschen Geheimdienst BND seit spätestens 1966 bekannt – die schrecklichen Zustände wurden von deutscher Seite ignoriert. Die aktuellen Entwicklungen zur Kolonie, das Verhalten zu Hartmut Hopp und das unwürdige Tauziehen um Entschädigungen werfen ein Licht auf die verdrängte Geschichte der Kolonie und auf ihre Unterstützung von deutscher Seite – und auf die fragwürdige aktuelle Lateinamerika-Politik Deutschlands,

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