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15-05-19 05:31:00,

oder die Renaissance des Widerstandes gegen herrschende Willkür.

von Jochen Mitschka.

Der Buchdruck, dann der Zeitungsdruck waren wichtige Meilensteine in der Überwindung der absolutistischen Herrschaft von „durch Gott eingesetzte Monarchen“. Ob das zu besseren oder schlechteren staatlichen System führte, angesichts der Tatsache, dass „Demokratien“ die meisten Kriege beginnen, sei hier nicht diskutiert. Vielmehr interessiert uns die Tatsache, dass Journalisten Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts maßgeblich daran beteiligt waren, dass bürgerliche Strömungen einen immer größeren Einfluss auf die Politik von Staaten nahmen. Allerdings verkehrte sich dies Ende des 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts in sein Gegenteil. Nachdem die bürgerliche Machtübernahme abgeschlossen und nicht mehr Gott, sondern Geld (manche nennen es auch „die Märkte“) die Herrscher ersetzte, war der Journalismus zum Teil des Herrschafts- und Unterdrückungssystems geworden. Nachdem sich aber nun diese Herrschaft immer stärker gegen die ursprünglich eigene Machtbasis, das Bürgertum richtet, stellt sich die Frage, ob eine Renaissance des Widerstandes durch Journalismus möglich ist.

Um die Unterschiede in den Rollen des Journalismus Anfang des 20. Jahrhunderts im Vergleich zu Anfang des 21. Jahrhunderts zu verdeutlichen, will ich die Verfolgung von WikiLeaks-Gründer Julian Assange nennen. Das Verbrechen von Assange war eindeutig, die Verbrechen von Regierungen aufgedeckt zu haben. Aber erstaunlicherweise bleiben die „Journalisten“ des 21. Jahrhunderts schweigsam, oder sie verurteilen sogar Assange. Natürlich hatten sie vorher die Materialien von WikiLeaks genutzt, um ihre Auflagen und Profite zu erhöhen, aber nun … Schweigen.

Anfang des 20. Jahrhunderts dagegen gab es trotz heftiger ideologischer Kämpfe zwischen einzelnen Journalisten, eine große Solidarität, wenn es gegen den absolutistischen Herrscher ging. Als das in Preußen besonders scharf durchgesetzte Lèse Majesté, also das Gesetz gegen die Beleidigung seiner Majestät, zu immer mehr Verhaftungen führte, begannen Journalisten bewusst mit beleidigenden Artikeln, ließen sich einsperren, und schrieben sofort wieder einen beleidigenden Artikel, wenn sie wieder aus dem Gefängnis entlassen worden waren. Was schließlich zu einer Veränderung bzw. Nichtdurchsetzung des Gesetzes führte.

Umgesetzt auf das 21. Jahrhundert müssten heute eigentlich alle Journalisten in den WikiLeaks Dokumenten wühlen und einen Artikel nach dem anderen darüber veröffentlichen. Dass dies nicht passiert, ist der Tatsache geschuldet, dass Journalismus heute zu einer Industrie wurde, deren Kontrolleure selbst zur herrschenden Schicht gehören,

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