notre-dame-von-gaza

15-05-19 07:13:00,

von Ramzy Baroud

Als im Fernsehen live übertragen wurde, wie der rund 90 Meter in die Höhe ragende Turm der Kathedrale Notre-Dame de Paris tragischerweise einstürzte, wanderten meine Gedanken unwillkürlich zu dem Ort, an dem ich meine Kindheit verbracht hatte: dem Flüchtlingslager Nuseirat im Gazastreifen.

Ebenfalls im Fernsehen beobachtete ich damals den aussichtslosen Versuch eines kleinen Baggers, sich durch die Trümmer der Moschee meiner alten Nachbarschaft zu quälen. Ich wuchs mit dieser Moschee auf und verbrachte mit meinem Großvater Mohammed, einem Flüchtling aus dem historischen Palästina, viel Zeit dort. Als junger Mann war Großvater, bevor er zum Flüchtling wurde, Imam in einer kleinen Moschee seines Heimatdorfes Beit Daras. Dieses wurde schon vor langer Zeit zerstört.

Direkt nach ihrer Ankunft im Gazastreifen im Jahr 1948 begannen mein Großvater und viele andere seiner Generation mit dem Bau einer eigenen Moschee in dem Flüchtlingslager. Es spendete ihnen Trost. Die neue Moschee bestand zunächst aus gehärtetem Schlamm, wurde aber später mit Ziegelsteinen und dann mit Beton erneuert. Mein Großvater verbrachte einen Großteil seiner Zeit dort. Als er starb, wurde sein alter, zerbrechlicher Körper für ein letztes Gebet in genau diese Moschee gebracht und anschließend im angrenzenden Märtyrerfriedhof begraben. Als ich noch klein war, hielt er immer meine Hand, wenn wir zu den Gebetszeiten gemeinsam zur Moschee gingen. Als er älter wurde und kaum noch laufen konnte, war ich es, der seine Hand hielt.

Doch Al-Masjid al-Kabir — die Große Moschee, später umbenannt zu Al-Qassam-Moschee — wurde von israelischen Raketen während des Sommerkriegs gegen den Gazastreifen, der am 8. Juli 2014 begann, völlig zerstört.

Hunderte palästinensische Gotteshäuser waren bereits in den vorangegangenen Kriegen, insbesondere in den Jahren 2008 bis 2009 und 2012, vom israelischen Militär unter Beschuss genommen worden.

Aber der Gaza-Krieg 2014 war die bisher gewalttätigste und verheerendste militärische Auseinandersetzung, die die Region erlebt hat. Nichts blieb von den israelischen Bomben verschont. Laut den Aufzeichnungen der Palästinensischen Befreiungsorganisation wurden allein während dieses Krieges 63 Moscheen völlig zerstört und 150 weitere beschädigt.

Oft hielten sich während der Angriffe schutzsuchende Menschen in den Moscheen auf. Dies war auch bei meiner Moschee der Fall: Nach einer langen, qualvollen Suche wurden zwei Leichen daraus geborgen. Für die Schutzsuchenden hatte keine Aussicht auf Rettung bestanden, denn selbst wenn sie den tödlichen Angriff überlebt haben sollten,

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