menschen-wie-wir

16-05-19 09:46:00,

von Wladimir Putin

Um ehrlich zu sein, sprach mein Vater das Thema Krieg nicht gerne an. Es war eher so, dass ich einfach in der Nähe war, wenn die Erwachsenen miteinander diskutierten oder sich an Dinge erinnerten. Mein ganzes Wissen über den Krieg — über das, was meiner Familie passiert war — setzte sich aus diesen mitgehörten Gesprächen der Erwachsenen zusammen. Doch manchmal gab es auch Zeiten, in denen sie direkt mit mir sprachen.

Mein Vater war Matrose. Er wurde 1939 eingezogen und diente bei einem U-Boot-Geschwader in Sewastopol. Nach seiner Rückkehr arbeitete er in einer Fabrik in Peterhof, wo er mit meiner Mutter lebte. Ich glaube, sie bauten dort sogar eine Art kleines Haus.

Als der Krieg begann, arbeitete er in einem Rüstungsunternehmen, wodurch er von der Einberufung befreit war. Trotzdem bewarb er sich für einen Eintritt in die Partei und schließlich erneut für den Frontdienst. Er wurde einem Diversionstrupp des NKWD (Volkskommissariat für innere Angelegenheiten; Anmerkung der Übersetzerin) zugeteilt. Es war eine kleine Gruppe von 28 Soldaten, die ins nahe Hinterland geschickt wurden, um Sabotageakte durchzuführen — etwa um Brücken und Bahngleise zu sprengen. Beinahe sofort gerieten sie in einen Hinterhalt — jemand hatte sie verraten. Sie betraten ein bestimmtes Dorf, verließen es wieder — und als sie einige Zeit später zurückkehrten, warteten die Nazis dort bereits auf sie. Sie wurden durch den Wald gejagt.

Mein Vater überlebte, indem er sich in einem Sumpf versteckte, wo er Stunden unter Wasser zubrachte, während er durch ein Schilfrohr atmete. Das ist mir aus seiner Geschichte im Gedächtnis geblieben. Er sagte, er hätte, während er durch das Schilfrohr atmend im Sumpf ausharrte, hören können, wie die deutschen Soldaten vorbeigingen, nur wenige Schritte von ihm entfernt, und wie die Hunde kläfften…

Noch dazu war es vermutlich bereits früher Herbst, das heißt, es war bereits kalt. Ich erinnere mich auch gut daran, wie er mir erzählte, dass der Anführer seiner Truppe ein Deutscher war. Er war zwar sowjetischer Bürger, aber dennoch ein Deutscher.

Interessanterweise wurde mir vor ein paar Jahren aus den Archiven des Verteidigungsministeriums eine Akte über eben diese Gruppe ausgehändigt. Ich bewahre sie noch immer in meinem Amtssitz in Novo-Ogaryovo auf. Sie enthält eine Liste der Gruppenmitglieder — Nachnamen, Vornamen, Vatersnamen, kurze Beschreibungen.

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