Die Täter-Opfer-Umkehr

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13-07-19 07:44:00,

von Nils Melzer

Ich weiß, Sie denken wahrscheinlich, ich sei verblendet. Wie kann das Leben in einer Botschaft, mit Katze und Skateboard, einer Folter gleichkommen? Genau dies dachte ich, als sich Julian Assange zum ersten Mal mit der Bitte um Schutz an mein Büro wandte. Wie der Großteil der Öffentlichkeit war auch ich unbewusst von der unablässigen Verleumdungskampagne vergiftet worden, die über die letzten Jahre verbreitet wurde. Es bedurfte also eines zweiten Anklopfens an meiner Tür, um meine widerwillige Aufmerksamkeit zu erlangen. Was ich jedoch durch Einsicht in die Fakten dieses Falles erfuhr, erfüllte mich mit Abscheu und Fassungslosigkeit.

Zu den Vorwürfe gegen Julian Assange:

„Assange ist doch sicher ein Vergewaltiger!“, hatte ich gedacht und fand jedoch heraus, dass er nie wegen eines Sexualdeliktes angeklagt worden war.

Ja — nachdem die USA ihre Verbündeten aufgefordert hatten, Gründe für eine Strafverfolgung Assanges zu finden, brachten es schnell zwei Frauen in die schwedischen Schlagzeilen: Die eine behauptete, er — Assange — habe ein Kondom zerrissen; die andere, er habe keines übergezogen. In beiden Fällen handelte es sich um einvernehmlichen Geschlechtsverkehr — nicht gerade Szenarien, die nach „Vergewaltigung“ klingen — außer vielleicht im Schwedischen.

Wohlgemerkt — beide Frauen legten ein Kondom als Beweismittel vor. Angeblich von Assange getragen und zerrissen, wies das erste keinerlei DNA-Spuren auf — weder die seinen, noch die der Frau, noch andere. Das muss man sich mal vorstellen! Benützt, aber intakt — bewies das zweite Kondom angeblich „ungeschützten“ Geschlechtsverkehr. Auch dies muss man sich mal vorstellen! Die Frauen schrieben sogar, sie hätten nie vorgehabt eine Straftat anzuzeigen, sich jedoch von der übereifrigen schwedischen Polizei „einspannen“ lassen. Und auch das muss man sich mal vorstellen!

Seitdem haben sowohl Schweden als auch Großbritannien nichts unversucht gelassen, Assange daran zu hindern, sich diesen Anschuldigungen zu stellen, ohne gleichzeitig das Risiko einer Auslieferung an die USA — mit nachfolgendem Schauprozess und lebenslanger Haftstrafe — eingehen zu müssen. Seine letzte Zuflucht war die ecuadorianische Botschaft.

„Also gut“, dachte ich, „aber er war doch sicher ein Hacker!“ Allerdings fand ich heraus, dass all seine Enthüllungen auf freiwillig zur Verfügung gestellten Informationen beruhten und dass ihn niemand beschuldigt, auch nur einen einzigen Computer gehackt zu haben.

Die einzige — fragwürdige — Beschuldigung bezüglich seiner Hacker-Aktivitäten beruht auf seinem Mitwirken bei einem angeblichen und erfolglosen Versuch der Entschlüsselung eines Passwortes.

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