Moritz Hochschild – Wie der humanitäre Mythos vom “Oskar Schindler Boliviens” zum Schädling der indigenen Völker mutierte

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14-07-19 10:04:00,

Die Atacama-Wüste zwischen Bolivien, Chile und Peru machte zwei Deutsche zu Multimillionären. Der eine hieß Henry Sloman und ließ sich mit dem Hamburger Chile-Haus verewigen. Der zweite hieß Moritz Hochschild und soll als mythischer Judenretter verewigt werden. Der 1881 im hessischen Biblis geborene und 1965 in Paris verstorbene Agnostiker jüdischer Herkunft und Bergbauingenieur wurde 2017 vom weltweiten, medialen Mainstream wiederentdeckt, nachdem das Museum des bolivianischen Bergbaukonzerns Comibol mehrere Zentner von Hochschilds Unterlagen auf einer Mülllippe im Museumshof auffand. Von Frederico Füllgraf.

Aus den zurückgewonnenen Unterlagen geht hervor, dass Hochschild zwischen 1938 und 1940 bis zu 9.000 Juden das Leben mit der Flucht aus Europa nach Bolivien – zum Teil mit falschen Pässen und Visa – gerettet hat. Doch nicht allein aus humanitärem Überschwang, sondern auch getrieben von ökonomischem Kalkül. Hochschild hatte nämlich Pläne für die landwirtschaftliche Entwicklung Boliviens.

So wurden die Neuankömmlinge nach ihrer Ankunft als erstes auf einem landwirtschaftlichen Versuchsgut in der Coca-Anbau-Gegend von Yungas, wenige Kilometer von der Hauptstadt La Paz entfernt, einquartiert. Dort sollten sie zu Landwirten ausgebildet werden, doch kaum einer der Immigranten brachte dafür Talent noch Lust im Reisegepäck mit.

Nach Schätzungen Ricardo Udlers, Vorsitzender des Israelitischen Zirkels in Bolivien, erreichten in den 1940er Jahren insgesamt 15.000 Juden das Andenland, doch nur ein Teil war dem Ruf Hochschilds gefolgt. Eine Minderheit integrierte sich in die bolivianische Gesellschaft, doch die Mehrheit nutzte das Land als Brücke zur Weiterreise in die Vereinigten Staaten, nach Argentinien, Brasilien oder Israel.

Fast ein Jahrhundert nachdem Moritz, genannt Don Mauricio, zum ersten Mal Südamerika in Chile betrat, wo seine Geschichte als einer der drei bedeutendsten “Zinnbarone” der Atacama ihren Anfang nahm, gelang es seinem Großneffen Eduardo, dem Familiennamen Hochschild neuen Ruhm – Kritiker sagen: Ruchlosigkeit – als Beispiel für global operierende Weltfirmen zu verleihen.

Als einer der drei reichsten Männer Perus, mit einem Privatvermögen von mindestens 2 Milliarden Euro, dirigiert Eduardo Hochschild den sechstgrößten Gold- und Silber-Schürfkonzern der Welt, Hochschild Mining plc. Mit einem Dutzend Minen in Mexiko, Peru, Bolivien und Chile wurde wegen der notwendigen Tuchfühlung zu Börsenspekulanten und Gelegenheits-Investoren – “Märkte” genannt – die Geschäftszentrale in die Londoner City verlegt.

Das Problem Hochschilds und einer Hundertschar aggressiver, internationaler Minenbetreiber in den Anden scheint zu sein: Bergbau,

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