Der dauerhafte Ausnahmezustand

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13-08-19 10:15:00,

Am 9. April 2009, kurz vor Amtsantritt der ersten Regierung Barack Obamas, nahm Paul Wolfowitz an einer bescheidenen Feier auf dem Nationalfriedhof Arlington teil. Es war der sechste Jahrestag des Falls von Bagdad, und der ehemalige Vizeverteidigungsminister der USA hatte sich in Abschnitt 60 des Friedhofs, wo die Toten des Irakkriegs begraben liegen, mit kaum fünfzig Leuten versammelt, um des 9. Aprils 2003 zu gedenken, als amerikanische Panzer in die Innenstadt von Bagdad ratterten und auf dem Firdos-Platz die Statue Saddam Husseins vom Sockel stürzten.

Wolfowitz und die glühenden Befürworter der Irakinvasion begingen den 9. April als Tag der irakischen Befreiung, und es scherte sie wenig, dass nun, im Jahr 2009, die meisten Amerikaner vom Irak die Nase voll hatten und am liebsten vergessen hätten, dass ihr Land dort je einen Krieg geführt hatte.

Wolfowitz lauschte den Reden der Veteranen der Amerikanischen Legion, der Mutter eines gefallenen Soldaten vom Gold Star Mothers Club, des irakischen Botschafters und einer betagten Gesellschaftsdame aus dem feinen Washingtoner Stadtteil Georgetown namens Viola Drath, die das feierliche Gedenken organisiert hatte.

Was machte es schon, dass sich die Invasion, die Saddam Hussein in nur drei Wochen gestürzt hatte, zu einem endlosen Zermürbungskrieg ausgewachsen hatte; oder dass sich die irakischen Massenvernichtungswaffen, die zur Begründung der Invasion hatten herhalten müssen, als Fantasiegespinst entpuppt hatten; oder dass an eben jenem sechsten Jahrestag des Falls von Bagdad geschätzte 30.000 Iraker auf dem Firdos-Platz der Stadt zusammenströmten, um wütend gegen die fortdauernde amerikanische Besetzung des Iraks zu protestieren, während der Jahrestag in den Vereinigten Staaten, von dieser kleinen Zusammenkunft in Abschnitt 60 abgesehen, weitgehend unbeachtet blieb.

Nichts davon zählte. Wolfowitz, einer der Architekten des Irakkriegs, war guten Mutes. Als wir nach der Feier zum Friedhofsausgang schlenderten, tauschten wir Nettigkeiten aus und kamen ein wenig ins Plaudern. Wolfowitz war ohne Frage froh darüber, dass sich der Irakkrieg, zumindest aus seiner Sicht, so gut entwickelt hatte und der neue Präsident alle Anstalten machte, den globalen Krieg gegen den Terror energisch weiterzuführen und dabei viele der umstrittenen Maßnahmen der Regierung Bush zu bestätigen und zu verlängern.

Und ein Ende des Kriegs war — obwohl die Republikaner bei den Präsidentschaftswahlen 2008 von den Wählern aus dem Amt gefegt worden waren und Wolfowitz längst seinen Stuhl im Pentagon geräumt hatte — nicht in Sicht.

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