zur-genese-der-entspannungspolitik-|-kenfm.de

14-08-19 08:56:00,

von Peter Brandt.

Ein Auszug aus dem Buch „Frieden! Jetzt! Überall!“

Am Beginn der Entspannungsidee steht die Zeit der Weimarer Republik nach dem Ersten Weltkrieg.(1) Oft wird nicht gesehen, dass der durch Gebietsverluste und Reparationen, durch die Festlegung von Deutschlands Alleinschuld und die höchst selektive Anwendung des nationalen Selbstbestimmungsrechts drückende Versailler Frieden (das »Diktat«) von beinahe dem gesamten politischen Spektrum abgelehnt und für zwingend revisionsbedürftig gehalten wurde. SPD und Zentrum stimmten in der Nationalversammlung der Vertragsunterzeichnung nur angesichts der alliierten Drohung zu, den Krieg sonst wieder aufzunehmen.

Relativ rasch entwickelte sich aus der Notlage der Republik ein außenpolitischer Ansatz, der Überlegungen und Methoden vorwegnahm, die später dem Stichwort »Entspannung« zuzurechnen sind. Zu Recht wird dabei Gustav Stresemann hervorgehoben, dessen Politik der Verständigung sich deutlich von der Machtorientierung des Kaiserreichs unterschied. Ihr vorausgegangen war 1923 eine dramatische Zuspitzung des Konflikts zwischen Deutschland und der französischen Siegermacht, die zusammen mit belgischen Truppen wegen nicht erfüllter Reparationspflichten das Ruhrgebiet besetzte.

Doch auch Frankreich konnte seine Ziele nicht erreichen; die Ruhrbesetzung war zudem weltweit unpopulär. Der US-amerikanische Dawes-Plan brachte 1924 eine zwischenzeitliche Regelung der Reparationsproblematik, doch als wirklicher Durchbruch wurde erst der Vertrag von Locarno im Oktober 1925 empfunden, in dem Deutschland – jetzt aus freien Stücken – auf Elsass-Lothringen und Eupen-Malmedy verzichtete, während die Anerkennung der Grenze zu Polen (»polnischer Korridor«) unverbindlicher erfolgte. Locarno brachte dem Deutschen Reich zudem die Option auf den Eintritt in den Völkerbund ein, der im Herbst 1926 erfolgte. Mit dem Vertragswerk war ferner die Aussicht auf eine baldige Räumung, zuerst des Ruhrgebiets und dann des linksrheinischen Gebiets, von alliierten Truppen verbunden, die bis 1930 durchgeführt wurde. Die Konferenz von Locarno bewirkte eine qualitative Veränderung im Verhältnis zwischen Siegern und Besiegten, die erstmals wieder auf gleicher Augenhöhe miteinander verhandelten.

Die Rolle der SPD während der Außenpolitik der 1920er-Jahre

Die seit 1922 wiedervereinigte SPD, namentlich der spätere Reichskanzler Hermann Müller, Rudolf Breitscheid und der Parteihistoriker Rudolf Hilferding, gaben Stresemann die parlamentarische Rückendeckung.(2) Die Sozialdemokraten erstrebten die Gleichberechtigung Deutschlands nicht, damit wieder die traditionelle Macht- und Hegemonialpolitik betrieben werden konnte. Sie wollten die Einbindung des Deutschen Reiches in ein immer dichteres Netz gegenseitiger Abhängigkeiten zwischen den Staaten,

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