das-gesicht-der-bundesrepublik

15-08-19 03:48:00,

Emmertsgrundpassage in Heidelberg. Bild: ChJ95 / CC-BY-SA-3.0

  1. Das Gesicht der Bundesrepublik

  2. Ein charakterfestes System, eine Geschichte, ein Märchen – aber menschenleer.


  3. Auf einer Seite lesen

Welche Lehren lassen sich aus der “Neuen Heimat” und ihrer Architektur ziehen?

Im Alter, erklärte einmal der Schriftsteller William Somerset Maugham, bereue man gewöhnlich die Sünden, die man nicht begangen hat. Nun, die Neue Heimat muss das posthum nicht bedauern, hat sie doch so gut wie keinen Frevel ausgelassen. Der Konzern schrieb im Wortsinne Geschichte: als Institution, die Anfang des 20. Jahrhunderts so hoffnungsvoll als Fanal eines neuen Denkens und Bauens begann – und nach etwa einer halben Million gebauter Wohnungen, von Skandalen und mafiösem Finanzgebaren lauthals orchestriert, im Debakel endete.

Die Neue Heimat stellte das Flaggschiff der gewerkschaftlichen Gemeinwirtschaft dar, die als Alternative zu einer strikt auf Profit bezogenen kapitalistischen Ökonomie gedacht war. Ihr Konzept war an sich durchaus plausibel: Man bot sich als Generalunternehmer an, lieferte Komplettangebote und versprach niedrige Preise.

In der Wiederaufbauzeit nach dem Krieg und im “goldenen Zeitalter” zwischen 1957 und 1973 verkörperte die Firma die Hoffnung auf ein besseres Leben für breite Bevölkerungsschichten. Fast folgerichtig entwickelte sie sich zum größten und bedeutendsten nicht-staatliche Wohnungsbaukonzern in Europa. Sie stellte so etwas wie den Hoffnungsträger für die Teilhabe am Wirtschaftswunder dar – bis die sozialdemokratische Utopie ins Wanken geriet und die Firma in den 1980er Jahren für die sprichwörtliche “Eine D-Mark” abgewickelt wurde. Entsprechend groß war der Schock in der Öffentlichkeit.

Nun, im zeitlichen Abstand von einer Generation, widmen sich drei Bücher und eine Ausstellung einem historischen Phänomen, über das nachzudenken unbedingt lohnt. Zumal es die Frage aufwirft, was aus dem bis heute angestrebten “Wohnen für Alle” geworden ist.

Die Neue Heimat erweist sich als Spiegelbild der bundesdeutschen Sozialgeschichte, und zugleich lassen sich ihre Hervorbringungen als Geschichtsatlas des Städtebaus im 20. Jahrhunderts lesen. Tatsächlich waren viele Projekte zu ihrer (jeweiligen) Zeit durchaus beispielgebend.

Für die Planung der Gartenstadt Hohnerkamp in Hamburg-Bramfeld etwa beauftragte die Neue Heimat in den 50er Jahren Hans Bernhard Reichow, der nach seinem Aufstieg im Dritten Reich zum Verfechter eines “organischen Städtebaus”

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