Die Wege des Neuen

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06-09-19 11:05:00,

Die Entdeckung war gigantisch, bahnbrechend — unerhört! Nachdem Ignaz Semmelweis herausgefunden hatte, dass die hohe Frauensterblichkeit in den Krankenhäusern des 19. Jahrhunderts von den Ärzten selbst verursacht wurde, die mit ihren Skalpellen vom Toten- zum Kindbett schritten, wurde er ausgelacht, bekämpft und für verrückt erklärt. Seine Karriere war beendet. Er starb in einer Irrenanstalt an Blutvergiftung. Ignoranz, Eitelkeiten und Interessenskonflikte verhinderten, dass eine lebensrettende Maßnahme zum Zeitpunkt ihrer Entdeckung zum Normalfall wurde.

Semmelweis ist kein Einzelfall. So wie ihm geht es vielen Forschenden, die von der allgemeinen Meinung abweichen und eigene Wege wagen (1). Das Bestreben, diejenigen mundtot zu machen, die nicht im Mainstream mitschwimmen, ist so alt wie unsere Zivilisation. Sokrates wurde gezwungen, den Schierlingsbecher zu trinken, Galilei entging nur knapp der Inquisition, Giordano Bruno fiel ihr zum Opfer und Martin Luther King bezahlte seinen Traum von einer gerechteren Welt mit seinem Leben.

Unsere Geschichte ist voll von Menschen, die für ihr Engagement für einen grundlegenden Wandel einen hohen Preis bezahlen. Heliozentristisches Weltbild, das Ende der Sklaverei, das Wahlrecht für Frauen — ob in Politik oder Wissenschaft, das Neue wurde immer wieder zunächst lächerlich gemacht und dann als gefährlich verfolgt, bis es schließlich als offensichtlich anerkannt wurde.

Auch wenn nicht jede grundlegende Neuerung sich im Nachhinein als richtig erweist, so darf von Menschen, die sich selbst für intelligent, offen und tolerant halten, erwartet werden, dass sie zumindest die Frage zulassen, ob das Abgelehnte nicht auch Wahrheit enthält. Dennoch haben bis in die heutige Zeit hinein Vordenker und Pioniere einen schweren Stand. Bestenfalls bleiben sie der Nachwelt als Märtyrer in Erinnerung. Viele verschwinden ganz im Vergessen.

Heute kennt kaum jemand die Arbeiten von Jean-Baptiste de Lamarck, einem Vorläufer Charles Darwins, oder von Antoine Béchamp, einem Zeitgenossen von Louis Pasteur. Im kollektiven Gedächtnis geblieben sind die Thesen, dass Evolution nicht auf Kooperation, sondern auf Kampf beruht, und dass Mikroben unsere Feinde sind, die bekämpft werden müssen. Im Gegensatz zu Robert Koch, der bis zum Schluss dem „kleinen Leben“ den Krieg erklärte, räumte Pasteur auf seinem Totenbett ein, dass sein Widersacher Béchamp recht hatte: „Béchamp avait raison: Le microbe n’est rien. Le terrain est tout“ (die Mikrobe ist nichts. Das Terrain ist alles).

Obwohl heute in der aktuellen Mikrobenforschung immer deutlicher wird, dass es keine „guten“ und keine „bösen“ Mikroben gibt,

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