das-idealismusproblem

11-09-19 10:47:00,

„Sei Du selbst die Veränderung, die Du Dir wünschst für diese Welt“. — Wer würde Mahatma Gandhi da widersprechen wollen? Doch genau an der Hürde, selbst Veränderungen zu gestalten, scheitern viele.

Die damit verbunden Eigenverantwortung erschließt sich zwar schnell, lässt sich praktisch jedoch umso schwerer umsetzen. Besonders anschaulich zeigt sich das Problem an unserem gesellschaftlichen Umgang mit Menschen, die aus überwiegend altruistischen und selbstlosen Motiven Veränderungen anstreben — den sogenannten Idealisten.

Egal ob Veganer, Friedensaktivist, Antikapitalist, Flüchtlingshelfer, Selbstversorger, Aussteiger oder andere — sie möchten das Bestehende, das aus ihrer Sicht moralisch Falsche, verändern. Die Welt ein wenig besser machen, lautet das Ziel. Dabei ist es immer ein Drahtseilakt, den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden und den Versuchungen des gelernten Alltags zu widerstehen. Denn den hohen, idealistischen Ansprüchen stehen kontraproduktive Rahmenbedingungen gegenüber — anderenfalls wäre ja keine Veränderung notwendig. Die angestrebte Veränderung setzt demnach eine zumindest teilweise Ablehnung der vorherrschenden Umwelt voraus. Sich dieser Ablehnung emotional und intellektuell zu stellen, ist für sich allein genommen bereits eine gewaltige Aufgabe.

Im Regelfall kommt es immer wieder zu Versuchungen und Rückfällen. Der Vegetarier isst beim gemeinsamen Grillen mit Freunden doch ein Steak; die linke Globalisierungskritikerin kauft die neuen Sneaker von Nike; der Überzeugungsradler fliegt nach Indien in den Aryuvedaurlaub; die Verfechterin des Buchhandels vor Ort bestellt doch bei Amazon oder der Überwachungsskeptiker nutzt Facebook und Whatsapp.

Kritisch ist dabei die Einordnung — sowohl die eigene, als auch die der Anderen. Denn es besteht einerseits die Gefahr, sich dadurch selbst zu frustrieren und den eigenen Idealismus als negative Last zu empfinden. Andererseits besteht die Gefahr, von Außenstehenden als inkonsequent abgestempelt zu werden und somit an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Die individuelle „Schwäche“ des Einzelnen, der es nicht schafft, seinen Idealismus selbst konsequent zu leben, wird von vielen auf das ganze Idealismuskonzept übertragen und brandmarkt dieses als utopisch oder gar lächerlich.

Zudem finden sich immer auch Menschen, die sich ganz bewusst gegen die idealistische Position stellen — sei es aus Überzeugung, Erfahrung oder anderen Motiven. Nicht jede idealistische Position ist ausnahmslos richtig und alternativlos. Hinzu kommt eine gesellschaftliche Gegenströmung derjenigen, die es leid sind, sich ständig Vorwürfe anzuhören.

Dann ist schnell von Gutmenschen, Weltverbesserern oder realitätsfremden Besserwissern die Rede. Das ist besonders dann der Fall, wenn ‚Idealisten‘ die selbstlose Motivation abgesprochen wird.

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