Die Kriegsschreiber

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21-09-19 10:06:00,

„In solchen Zeiten wird jeder, er mag wollen oder nicht, in seine Nation zurückgerissen. Ich kämpfe sehr dagegen an. Das gute Europäertum liegt meinem Herzen näher als das Deutschtum. (…) Ich selbst lebe in diesem Kriege. Ich sehe in ihm sogar den heilsamen, wenn auch Grausamen Durchgang zu unseren Zielen. Er wird die Menschen nicht zurückwerfen, sondern Europa reinigen, bereit machen.“

Der Krieg als Reinigung? Ungewöhnlich an diesem Zitat ist nicht das Datum, der 24. Oktober 1914. Zu diesem Zeitpunkt schwappte die Kriegsbegeisterung in Deutschland bei vielen hoch. Ungewöhnlich ist der Name des Schreibers. Franz Marc, der hoch sensible Maler und Schöpfer einiger der schönsten Tierbilder der Kunstgeschichte („Rote Rehe“) schrieb diese Zeilen zu Kriegsbeginn an seinen Malerfreund Wassily Kandinsky. Franz Marc war am 6. August freiwillig als Soldat in den Krieg gezogen.

Marc war nicht allein mit dieser Entscheidung. Auch Max Ernst, Richard Dehmel, Alfred Döblin, Ernst Ludwig Kirchner, Oskar Kokoschka, Wilhelm Lehmbruck, Ernst Toller und Georg Trakl meldeten sich freiwillig. Ja, auch Otto Dix, der spätere unbestechliche Gesellschaftskritiker. Gottfried Benn, Hugo von Hofmannsthal, Paul Klee und andere wurden eingezogen. Es war ein trauriges Schauspiel: die fast flächendeckende Kapitulation des Geistes vor Militarismus und Kriegshetze. Im berühmten „Manifest der 93“ (September 2014) erklärten bedeutende Vertreter aller Sparten des Geisteslebens ihre Solidarität mit dem deutschen Kriegshandeln: Max Planck, Wilhelm Röntgen, Richard Dehmel oder Siegfried Wagner.

Engelbert Humperdinck, Komponist des wunderbaren Lieds „Abends, wenn ich schlafen geh“, und Gerhard Hauptmann, Autor des erschütternden sozialkritischen Dramas „Die Weber“, setzten ihre Unterschrift unter rassistische und militaristische Ergüsse wie diese:

„Im Osten aber tränkt das Blut der von russischen Horden hingeschlachteten Frauen und Kinder die Erde, und im Westen zerreißen Dumdumgeschosse unseren Kriegern die Brust. Sich als Verteidiger europäischer Zivilisation zu gebärden, haben die am wenigsten das Recht, die sich mit Russen und Serben verbünden und der Welt das schmachvolle Schauspiel bieten, Mongolen und Neger auf die weiße Rasse zu hetzen.“

Und hurra-patriotisch:

„Ohne den deutschen Militarismus wäre die deutsche Kultur längst vom Erdboden getilgt. Zu ihrem Schutz ist er aus ihr hervorgegangen in einem Lande, das jahrhundertelang von Raubzügen heimgesucht wurde wie kein zweites. Deutsches Heer und deutsches Volk sind eins. Dieses Bewusstsein verbrüdert heute 70 Millionen Deutsche ohne Unterschied der Bildung,

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