Manipulation mit der „Lebenserwartung“ in der Rentendiskussion

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24-10-19 08:14:00,

In ihrem aktuellen Monatsbericht empfiehlt die Bundesbank eine schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters bis 2070 auf 69⅓ Jahre. Begründet wird dies vor allem mit der angeblich stark steigenden Lebenserwartung der Bundesbürger. Doch diese Argumentation ist nicht haltbar. Seit einigen Jahren steigt die offizielle statistische Lebenserwartung nämlich nicht, sondern sie stagniert. Zudem ist die statistische Vorhersage der Lebenserwartung keine genaue Berechnung, sondern eine höchst ungenaue und manipulationsanfällige Modellrechnung, die sich schon in der Vergangenheit als äußerst fehlerbehaftet herausgestellt hat. Von Jens Berger.

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Die Themen Rentenpolitik und Demographie sind seit Gründung der NachDenkSeiten Schwerpunktthemen unserer Seite. In zahlreichen Artikeln (z.B. hier, hier, hier oder hier) haben wir uns bereits kritisch mit der Erhöhung des Renteneintrittsalters beschäftigt. Erst im Juni hat Albrecht Müller anhand einer Ausgabe des Presseclubs auf die Manipulation bei der Debatte um die Erhöhung des Renteneintrittsalters hingewiesen. Diese Artikel sind auch heute noch ohne Abstriche gültig und bieten eine breite Vertiefung des Themas.

Es gibt wohl keine statistische Größe, die derart missverständlich ist, wie die Angaben zur Lebenserwartung. Bei der Ermittlung dieser Zahl wird anhand der vergangenen und aktuellen Sterbetafeln mit Modellannahmen die Sterbehäufigkeit in der Zukunft prognostiziert. Was auf den ersten Blick wie eine präzise Berechnung aussehen mag, ist bei näherer Betrachtung jedoch eine recht willkürliche Modellrechnung, bei der im Wesentlichen die Entwicklungen der Vergangenheit auf die Zukunft extrapoliert werden. Hinzu kommt, dass auch die „gesicherten“ Daten der Vergangenheit alles andere als präzise und verlässlich sind.

Die einzige wirklich größtenteils präzise Größe bei der gesamten Modellrechnung sind die offiziell gemeldeten Todesfälle in den jeweiligen Berichtsjahren. Das erste Problem taucht aber bereits an dem Punkt auf, an dem man aus den gemeldeten Todesfällen die jährliche Sterblichkeitswahrscheinlichkeit einer bestimmten Altersgruppe (Sterbetafeln) berechnen will. Denn dafür bräuchte man eine zuverlässige Aufstellung, wie viele Bürger es in den jeweiligen Geburtsjahrgängen überhaupt gibt. Und genau hier weist das statistische Modell bereits die erste große Lücke auf. So hat die letzte große Volkszählung (Zensus 2011) ergeben, dass die offizielle Bevölkerungszahl um mehr als 1,5 Millionen Einwohner zu hoch ist.

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