Ecuador: Die Gewalt, über die niemand spricht

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31-10-19 10:15:00,


Andrea Sempértegui / 31. Okt 2019 –

Über Gewalt während des Landesstreiks wurde viel diskutiert, aber kaum über die strukturelle Gewalt, die Ecuadors Wirtschaft prägt.

Red. Die Autorin Andrea Sempértegui ist in Quito geboren und aufgewachsen. Sie lebt derzeit ausserhalb von New York, wo sie ihre Doktorarbeit in Soziologie schreibt. 

Wir schreiben Donnerstag, den 10. Oktober und im Haus der Kultur im Zentrum Quitos, kommt es im Rahmen des landesweiten Streiks zu einer Volksversammlung, einer sogenannten asamblea popular. Während die Regierung ihren Sitz aus der Hauptstadt nach Guayaquil an die Küste verlegt hat, ruft Leonidas Iza, einer der Führer des movimiento indigenas, der Menge zu: «Der Staat funktioniert nur dank unserer Arbeit.»

Tatsächlich liegt die Produktion in diesen Tagen flach. Die Hände, die unser Essen produzieren, sind auf dem Weg nach Quito oder blockierten die Strassen. Die Forderung von Leonidas Iza und den Anwesenden in der Halle: «Der Internationale Währungsfonds muss weg! Das Wirtschaftsprogramm ist ein Akt der Gewalt und erzeugt daher wiederum Gewalt!»

Tags zuvor hat eine Gruppe Frauen namens Ecuayork Women’s Committee den Eingangsbereich des IWF in New York besetzt. Auf einem ihrer Banner stand: «Weder Moreno noch Correa, der Kampf gehört dem Volk!» Sie stimmen mit Leonidas Iza überein, dass die von Präsident Lenin Moreno diktierten Massnahmen neoliberaler Wirtschaftspolitik Gewalt implizieren. Ihre Körper, ihre Lebensgeschichten erinnern sich an diese Gewalt. «Viele von uns sind auf Grund der Wirtschaftskrise dazu gezwungen worden, auszuwandern», heisst es in ihrer Erklärung. «Und das Dekret 883 (zur Streichung der Subventionen auf Benzin und Diesel; Anm. Red.) betrifft sowohl ArbeitnehmerInnen und Frauen, die unentgeltlich zu Hause arbeiten als auch GelegenheitsarbeiterInnen mit oder ohne Vertrag, deren Mindestlohn gesenkt würde. Es handelt sich um die Wiederholung von Wirtschaftsmassnahmen, die der IWF bereits in der Vergangenheit verhängt hatte.»  

«Freiheit» im neoliberalen Sinne

Die vom IWF über Strukturanpassungsprogramme diktierte Gewalt hat eine Vielzahl von Spuren hinterlassen. Das dürfte all jenen klar sein, die sich an die Absetzungen der ecuadorianischen Präsidenten in den 1990er Jahren erinnern, und die uns Jungen geprägt haben. Denn viele von uns haben vor zwei Jahrzehnten Grosseltern, Tanten und Onkel sowie Cousins verabschiedet, die damals nach Spanien auswanderten. 

Allerdings kanalisiert diese Erinnerungen jeder auf seine Art.

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