Wende-Episoden

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09-11-19 09:59:00,

Die Opfer der DDR blieben auch später Opfer. Für sich selbst vertraten und vertreten auch heute oft wie unbewusst viele dieser Menschen diesen Anspruch, vor, während und nach der sogenannten Wende vor allem Opfer gewesen zu sein. Doch was für eine Art von Wende war das? War es nicht letztlich eine kollektive Hinwendung zu dem, das heute für Ausbeutung und Krieg verantwortlich ist?

Viele Details jener ereignisreichen Tage, in denen der Untergang der DDR — bis dahin geführt als zentralistischer Staat mit einer streng ideologischen Ausrichtung und dem absoluten Machtanspruch der „Partei der Arbeiterklasse“ — eingeleitet wurde, sind aus der Erinnerung und damit dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwunden. Aus diesem Grunde habe ich mir die Mühe gemacht, tief in meiner Erinnerung zu graben, um jene Zeit aus einer autobiografischen Sicht lebendiger zu machen.

Wenn von einer aufbegehrenden Zivilgesellschaft gesprochen wird, die als Ursache für den Sturz der SED-geführten DDR-Regierung auszumachen ist, dann geht das — so meine ich — ein Stück an der Realität vorbei. Das ignoriert keinesfalls das Engagement von Einzelpersonen und Gruppen aus der Friedens- und Umweltbewegung sowie der Kirche, die sich seit Jahren für eine andere DDR einsetzten. Doch waren diese politisch aktiven Menschen bis zum Oktober 1989 eine kleine Minderheit — und blieben es darüber hinaus auch. Eine Veränderung der DDR, dem ein Wandel im öffentlichen Bewusstsein voranging, stand trotzdem an und hatte bereits begonnen. Die Ereignisse ab Sommer 1989 gaben diesem Prozess allerdings eine andere Richtung, eine für die wir DDR-Bürger immer empfänglich waren.

Am Mittwoch, dem 4. Oktober 1989, kehrten wir — ein Kollege und ich — spät abends von einer LKW-Fernfahrt zurück und durchquerten die Dresdner Innenstadt. Wir verstanden nicht wirklich, was da vor sich ging. Der Bereich zwischen Prager Straße und Hauptbahnhof war — nach 22 Uhr war das damals völlig ungewöhnlich — mit unglaublich vielen Menschen bevölkert. An in überbordender Menge auftretende Polizei oder andere Sicherheitskräfte kann ich mich nicht erinnern. Es gab auch keine Straßensperrungen. Wir fuhren direkt am Dresdner Hauptbahnhof vorbei und durch dessen beide Brücken hindurch.

Direkt am Bahnhof sahen wir Massen von Menschen — zum imposanten Bahnhofsgebäude hin eine überschaubare Anzahl Polizisten, davor „andere Leute“. Wie gesagt, war uns in diesem Augenblick unklar, was da vor sich ging. Als wir nach Passieren der Bahnbrücken links auf die Strehlener Straße abbogen,

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