Die Kunst des Trauerns

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22-11-19 10:09:00,

Später Herbst, ein Felsloch, der schäumende Ozean vor dem windumtosten Eingang des Hades am Kap Matapan, dem Totenreich der antiken Unterwelt. Es gibt kaum eine bessere Kulisse für ein Nachdenken über unseren Umgang mit Tod und Trauer.

„Rasch tritt der Tod den Menschen an, es ist ihm keine Frist gegeben; es stürzt ihn mitten aus der Bahn, es reißt ihn fort vom vollen Leben“ — ein schwacher Trost von Friedrich Schiller. Wir sollten zukünftig ein wenig nachdenken, bevor wir uns beim Kondolieren im Hilflosen verheddern, so von wegen „unerklärlich“, „fassungslos“ und „mitten aus dem Leben gerissen“. Aber richtig schützen können wir uns letztlich ohnehin nicht, wenn da frühmorgens zwei Polizisten vor der Türe stehen und uns betreten auffordern: „Sie müssen jetzt stark sein“.

Christiane zu Salm verlor im Alter von sechs ihren drei Jahre jüngeren Bruder und erinnert sich heute an jene Trauerzeit daheim: „Meine Eltern waren so aufgesogen von dem Schmerz, dass bei uns nur noch eine große Sprachlosigkeit herrschte und viel dafür getan wurde, wieder ein ganz normales Leben zu führen. Es ging um die Kunst der kleinen Schritte, also wieder ins Leben zurückzufinden und ganz von vorne und ganz von unten anzufangen. Wie jeder anders liebt, trauert auch jeder anders. Die Sätze der Freunde wie: Ich bin immer für dich da oder ruf mich einfach an, wenn du mich brauchst — halfen herzlich wenig, denn der Trauernde hat keine Kraft, jemanden anzurufen. Es geht darum, einfühlsam auszuloten, was demjenigen guttut, also lieber einen Brief schicken, eine kleine Geste zeigen wie eine Umarmung oder einem einfach das Gefühl vermitteln, dass man nicht alleine ist.“

Wer wie und warum und wie lange trauert und wie er am Ende da herauskommt, ob gestärkt, ratlos, schockerstarrt oder zerbrochen, das muss jeder am eigenen Leib erfahren und bewältigen. Ein Trauern auf Rezept dürfen wir von der Welt nicht einfordern.

Sigmund Freud prägte den Begriff der „Trauerarbeit“ und meinte damit eine echte Leistung auch im physischen Sinne. Er sprach sich dafür aus, die Erinnerungen an das geliebte, aber definitiv verlorene Wesen immer wieder zu durchlaufen, um damit die affektive Bindung nach und nach aufzuheben und die so zurückgewonnene psychische Energie dem Ich wieder zur Verfügung zu stellen.

Für eine gewisse Zeit ähnelt das Trauern einem pathologischen Zustand, denn der Tote lebt ja weiter,

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