Snowdens Appell

27-11-19 12:00:00,

Snowdens Enthüllungen basierten nicht auf einer Kurzschlussreaktion, sondern waren das Ergebnis eines längeren innerlichen Ringens mit sich selbst. In seinem Buch kommt Snowden immer wieder auf seine Beweggründe zu sprechen, sein erfolgreiches und äußerlich betrachtet bequemes Leben aufzugeben, um Whistleblower zu werden und ins Exil gehen zu müssen – wobei er natürlich jederzeit auch Gefahr lief, erwischt und eingesperrt zu werden.

Im Allgemeinen würde man vielleicht davon ausgehen, dass mit solchen Enthüllungen eher von älteren Menschen zu rechnen ist, die am Ende ihres Lebens stehen, die nicht mehr viel zu verlieren haben oder zu haben glauben, die vielleicht sterbenskrank sind und ihr Gewissen erleichtern wollen. Snowden hingegen war – wie auch Chelsea Manning – noch sehr jung, und gerade darin, sagt er, liege ebenfalls eine „Gefahr“: junge Menschen zu viel sehen zu lassen, bevor sie die Zeit hatten, zynisch und pragmatisch zu werden und ihren Idealismus über Bord zu werfen.

Um Whistleblower zu werden, musste Snowden also über einen funktionierenden moralischen Kompass verfügen, der ihm die Frage aufdrängte, ob er nicht moralisch verpflichtet sei, das Gesetz zu brechen (1). Denn mit seinen Enthüllungen hat er zugegebenermaßen gegen geltendes Recht in den USA verstoßen.

Wenn Snowden die Massenüberwachung im Internet einen „tragischen Fehler“ nennt, können wir davon ausgehen, dass er sich der genauen Bedeutung des Wortes „tragisch“ bewusst ist, welches unverdientes Leiden impliziert. Ein tragischer Fehler bringt Unheil hervor, welches aber vom Handelnden nicht gewollt wurde. Man könnte es vielleicht so ausformulieren: Die Ausführenden der Massenüberwachung – wie auch ihre Apologeten und Mitläufer – glauben, damit etwas Gutes zu tun – mutmaßlich, mehr Sicherheit zu schaffen (2) –, ohne sich der negativen Folgen bewusst zu werden (3).

Es stellt sich nun die Frage, mit welcher Begründung Snowden so viel riskierte und das Gesetz brach, um das zu tun, was ihm moralisch richtig erschien. Was sind die negativen Folgen?

Seine Begründung ist die Verteidigung des Rechts auf Privatsphäre. Er musste feststellen, dass überall auf der Welt sogenannte fortschrittliche Regierungen dieses seines Erachtens grundlegende Menschenrecht immer weniger ernst nahmen. Zugleich nehmen auch viele Bürger der westlichen Welt dieses Recht nicht ernst und tun die Enthüllungen über Massenüberwachung im Internet mit einem Achselzucken ab; sie hätten ja nichts zu verbergen.

Damit wiederholen sie den tragischen Fehler, der auf einem Mangel an klarer Vorstellungsbildung bezüglich der möglichen und wahrscheinlichen Konsequenzen beruht.

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