Werden wir von Kanaillen regiert?

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01-12-19 07:52:00,

„Kanaillenkapitalismus. Eine literarische Reise durch die Geschichte der freien Marktwirtschaft“ – so heißt das neue Buch des spanischen Soziologen César Rendueles. Eine nicht nur lohnenswerte, sondern auch unterhaltsame Lektüre, meint Udo Brandes, der das Buch für die NachDenkSeiten gelesen hat.

„Der Neoliberalismus: eine groß angelegte Zerstörung des Sozialen“

Eine Rezension von Udo Brandes

Das Wort „Kanaille“ kommt aus dem Französischen. Laut Duden ist eine Kanaille jemand, „der als böse, schurkisch“ angesehen wird. Man bezeichnet damit auch eine Gruppe von Menschen, die als asozial, verbrecherisch oder ähnlich betrachtet wird. Mit anderen Worten: Schon der Titel von Rendueles’ Buch zeugt davon, dass von ihm keine nüchterne, sachlich-wissenschaftliche Analyse zu erwarten ist, sondern ein subjektiver und emotionaler Blick auf unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem.

Sein Anliegen ist es, den neoliberalen Kapitalismus als eine Form von Wahnsinn und Verbrechen anzuklagen. Das, was bei uns von Parteien wie der FDP als „freie Marktwirtschaft“ angepriesen wird, ist für ihn nichts weiter als ein „Kanaillenkapitalismus“. In dieser ironisierenden Gleichsetzung der Begriffe wird schon deutlich, dass für Rendueles der Begriff „freie Marktwirtschaft“ nichts weiter als ein ideologisches Konstrukt ist, das nichts mit der Realität zu tun hat.

Dementsprechend fällt auch sein Urteil über die Machteliten in der freien Marktwirtschaft aus:

„Neoliberale Globalisierung ist der historische Prozess, in dem 99 Prozent von uns freiwillig die Kontrolle über unser Leben an Fanatiker abgegeben haben, die einer wahnhaften Wahrnehmung der sozialen Realität unterliegen. Wir haben Menschen, die eigentlich auf eine vom FBI umstellte Ranch in Waco, Texas gehören, mit Führungspositionen in der Wirtschaft, mit Spitzengehältern, Steuerprivilegien und hohen sozialem Renommee belohnt“ (S. 231-232).

Ein sehr hartes Urteil, das auf den ersten Blick überzogen wirkt. Sind Leute wie Angelika Merkel und Olaf Scholz Leute, die einer wahnhaften Wahrnehmung der sozialen Realität unterliegen? Und sind sie so gefährlich, dass sie eigentlich eingesperrt gehörten? Bei Donald Trump und charakterlich ähnlich strukturierten Politikern möchte man diesem Eindruck spontan zustimmen. Denn sie können einem wirklich Angst machen. Aber kann man das auch von unseren „normalen“ Politikern sagen? Sicher, man kann ihnen eine schlechte Politik vorwerfen. Aber „wahnhafte Wahrnehmung der Realität“? Und so gefährlich, dass sie eigentlich eingesperrt gehörten?

Selbstverständlichkeiten zementieren Herrschaft

Mir fällt dazu ein, dass der französische Soziologen Pierre Bourdieu sich einmal fragte,

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