Umfragen – Meinungsmacht und Gradmesser für Meinungsmache

06-12-19 08:47:00,

Wer sich gestern den Deutschlandtrend der Tagesthemen angeschaut hat, musste sich verwundert die Augen reiben. Plötzlich soll ausgerechnet Olaf Scholz der beliebteste Politiker Deutschlands sein und gleichzeitig erzielt das designierte neue SPD-Führungsduo Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans verheerende Zustimmungswerte. Das sah zu Wochenbeginn noch anders aus. Aber das war ja auch noch vor der massiven Kampagne gegen jede auch nur noch so kleine Änderung des SPD-Kurses, die in dieser Woche über alle Kanäle auf die Öffentlichkeit einprasselte. Diese Umfragen zeigen einmal mehr, welche Meinungsmacht die klassischen Medien in unserem Land haben und welche Sisyphos-Aufgaben auf die progressive Gegenöffentlichkeit noch zukommen. Von Jens Berger.

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Man sagt ja „De mortuis nil nisi bene“ und es ist auch verständlich, dass viele Zeitgenossen Mitleid mit Verlierern empfinden. So ließe sich vielleicht zum Teil die sprunghaft gestiegene Beliebtheit von Olaf Scholz erklären. Das Problem: Scholz ist politisch alles andere als tot und als Vizekanzler, Finanzminister und Kern der SPD-Funktionärsspitze genauso mächtig wie eine Woche zuvor. Derartige Umfragewerte sind pünktlich zum Parteitag der bestvorstellbare Rückenwind für die Mehrheit der Parteigranden, die so gar nichts von einer inhaltlichen Neuaufstellung halten. Ob und inwieweit diese Zahlen überhaupt „seriös“ sind, ist dabei aber nur schwer zu beantworten. Infratest Dimap hat für diese Umfrage lediglich 1.007 Menschen befragt und gibt die Schwankungsbreite, also den statistischen Fehlerkorridor, mit +/- 3,1 Prozentpunkte an. Hinzu kommt, dass es sich hier nicht um die Rohergebnisse handelt, sondern die Zahlen vom Institut nach einem unbekannten Schlüssel aufgearbeitet werden, um eine angestrebte Repräsentativität zu erreichen; die Möglichkeiten der Einflussnahme sind bei solchen Verfahren nahezu grenzenlos.

Daher lohnt auch ein Blick auf das Kleingedruckte. So sind Scholz´ Zustimmungswerte bei SPD-Anhängern im gleichen Befragungszeitraum und in der gleichen Umfrage massiv abgestürzt, während die Zustimmung bei allen Befragten massiv zugenommen hat. Das ist nur möglich, da Scholz mittlerweile bei CDU/CSU-Anhängern einer der beliebtesten Politiker überhaupt ist. Wenn man beim politischen Gegner beliebter als in den eigenen Reihen ist, sollte dies einem eigentlich zu denken geben. Diese Zusatzinformationen gehen jedoch bei den einschlägigen Presseberichten unter.

Gleichzeitig vermeldet der Deutschlandtrend miserable Zustimmungswerte für das designierte SPD-Führungsduo Esken und Walter-Borjans.

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