Journalistische Messdiener

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12-12-19 12:28:00,

„Die Chance, zur Schaffung der Wahrheit beizutragen, hängt (…) von zwei Hauptfaktoren ab, die mit der eingenommenen Position verknüpft sind: dem Interesse, die Wahrheit zu kennen und sie den anderen zugänglich zu machen (oder umgekehrt: sie sich und den anderen zu kaschieren), und der Fähigkeit, sie hervorzubringen“ — Pierre Bourdieu (1).

„Der niederländische Journalist Rob Savelberg ist mit einer einzigen Frage an Angela Merkel zum YouTube-Star geworden. Er wollte wissen, wie Merkel ausgerechnet Wolfgang Schäuble, der mal ,100.000 Mark in seiner Schublade‘ vergessen habe, das Finanzministerium überlassen könne“ (2).

Dies ist der Vorspann eines Interviews, das Die Welt mit Savelberg geführt hat. Im Grunde genommen lässt sich aus den angeführten Zeilen in verdichteter Form ablesen, warum so viele Bürger Medien kritisieren. Im Grunde genommen zeigt der „Fall“ Savelberg in anschaulicher Form, wie die Schieflagen im Journalismus unserer Zeit aussehen, und führt uns vor Augen, dass wir mit den in diesem Buch aufgestellten Thesen eines journalistischen Feldes, das dysfunktional ist und sich zu oft außerstande zeigt, einen tatsächlich herrschaftskritischen Journalismus hervorzubringen, nicht falsch liegen.

Es lässt tief blicken, dass wir in das Jahr 2009 zurückgehen müssen, also auf ein Beispiel zugreifen, das schon länger zurückliegt. In der letzten Dekade hat es, soweit mir bekannt, in Deutschland keinen vergleichbaren Fall gegeben, bei dem ein Journalist den Nichtangriffspakt zwischen Journalisten und Politikern auf eine Weise ignoriert hat wie Savelberg (3).

Was ist passiert? Es ist Oktober 2009, 12:05 Uhr. Phoenix überträgt live von der Bundespressekonferenz aus Berlin. Die neu gewählte Bundesregierung stellt ihren Koalitionsvertrag vor. Zahlreiche Medienvertreter haben sich eingefunden. Auf dem Podium sitzen Guido Westerwelle (FDP), Angela Merkel (CDU) und Horst Seehofer (CSU). Der niederländische Journalist Rob Savelberg meldet sich zu Wort. Er sagt zu Merkel, dass sie auf der Pressekonferenz „ziemlich viel über Geld und über die Finanzen der Bundesrepublik Deutschland“ rede. Allerdings wolle sie nun Wolfgang Schäuble (CDU) als Bundesfinanzminister einsetzen, der „im deutschen Bundestag öffentlich beteuert hat, dass er einen Waffenhändler nur einmal getroffen und dabei vergessen hat, dass er von ihm 100.000 D-Mark angenommen hat“.

Auf Telepolis hieß es damals:

„Angela Merkel zuckte zusammen, Guido Westerwelle schloss entsetzt die Augen, Horst Seehofer lachte verlegen auf: Mit einer einfachen Frage hat der niederländische Journalist Rob Savelberg die künftige deutsche Staatsführung sichtlich in Bedrängnis gebracht“ (4).

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