“Nichts verhindert mehr ökologische Nachhaltigkeit als sozioökonomische Ungleichheit”

“nichts-verhindert-mehr-okologische-nachhaltigkeit-als-soziookonomische-ungleichheit”

26-12-19 11:18:00,

Christoph Butterwegge zu den sozialen Gegensätzen in der Bundesrepublik und die möglichen Auswirkungen der Migration

In seinem Buch Die zerrissene Republik. Wirtschaftliche, soziale und politische Ungleichheit in Deutschland gelingt Christoph Butterwegge eine schonungslose Bestandsaufnahme der Bundesrepublik.

Herr Butterwegge, Ihr Buch trägt den Titel Die zerrissene Republik. Wie manifestiert sich allgemein diese Zerrissenheit und worauf ist diese zurück zu führen?

Christoph Butterwegge: Seit vielen Jahren vertieft sich die Kluft zwischen Arm und Reich, was sich nicht bloß im Portemonnaie der Menschen niederschlägt, sondern auch in der Art, wie und in welchem Quartier sie wohnen, sowie in ganz unterschiedlichen Bildungschancen, Gesundheitszuständen und Lebenserwartungen. Als extreme Form der Ungleichheit führt die materielle Armut auch im Kultur- und Freizeitbereich zu vielfältigen Benachteiligungen, Beeinträchtigungen und Belastungen.

Dieser Umstand hat es materiell besser gestellten Schichten immer schon erleichtert, die Armen nach dem Motto “Geld macht ohnehin nicht glücklich” regelrecht zu verhöhnen, verleitet darüber hinaus jedoch heute noch manche Kommentatoren dazu, Armut zu subjektivieren, zu individualisieren beziehungsweise zu biografisieren, sie mithin auf Sozialisations- beziehungsweise Kulturdefizite oder die “Bildungsferne” der Betroffenen zurückzuführen.

“Die Armut ufert bis zur Mittelschicht aus”

Wie hat sich die Politik der rot-grünen Bundesregierung, also die Hartz-Reformen auf der einen Seite und die Deregulierung des Bankenwesens, die Privatisierung der Infrastruktur und die steuerliche Privilegierung von Wohlhabenden auf der anderen auf diese Zerrissenheit ausgewirkt?

Christoph Butterwegge: Eine kapitalistische Gesellschaft ist aufgrund ihrer privatwirtschaftlichen Eigentumsstruktur durch sozioökonomische Ungleichheit zwischen einer Minderheit, der die Unternehmen, Banken und Versicherungen gehört, sowie einer Mehrheit gekennzeichnet, die ihre Arbeitskraft verkaufen muss, ohne dass dies immer zu einem auskömmlichen Lohn gelingt.

Unter dem stärkeren Einfluss des Neoliberalismus haben die politisch Verantwortlichen, auch und vor allem die Spitzenrepräsentanten der rot-grünen Koalition auf Bundesebene, den Arbeitsmarkt dereguliert, den Sozialstaat demontiert und eine Steuerpolitik nach dem Matthäus-Prinzip betrieben.

Im Evangelium des Matthäus heißt es sinngemäß: “Wer hat, dem wird gegeben, und wer wenig hat, dem wird auch das noch genommen.” Auch die Liberalisierung des Finanzmarktes sowie die Privatisierung von öffentlichen Unternehmen und sozialen Risiken haben zur tieferen Spaltung der Gesellschaft beigetragen. Während sich der Reichtum in wenigen Händen konzentriert, ufert die Armut bis zur Mittelschicht aus und zerfasert die Sozialstruktur der Gesellschaft.

 » Lees verder

%d bloggers liken dit: