Das neue Jahrzehnt

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28-12-19 09:14:00,

Gehen wir in das Jahr 2010 zurück und lassen von dort aus dieses Jahrzehnt Revue passieren und zwar in drei Etappen: von 2010 bis 2013, 2014 bis 2017 und 2018 bis 2019.

Der Stereotyp des Links-liberalen mag — so vermute ich — im Rückblick auf das Jahr 2010 denken: „Mensch! Da war die Welt noch in Ordnung! Kein Trump, keine AfD. Alles im Lot.“

Tatsächlich erschien jedem die Zeit zu Beginn der 2010er äußerst friedlich. Gerade dann, wenn man durch die Relotius-Presse sozialisiert war. Der 11. September lag mittlerweile relativ weit zurück. Im Weißen Haus saß seit einem Jahr der vermeintliche Hoffnungsträger der Welt. Mit den Smartphones hielt in der Öffentlichkeit ein stilistischer Geist Einzug, der den öffentlichen Raum immer smarter und eleganter erscheinen ließ. Es war die Zeit, in der sich die Hipster-/Instagram-Ästhetik in allen Bereichen durchsetzte. Fotos sahen wieder aus wie Polaroid. Die sterile, kalte Ästhetik des vorherigen Jahrzehnts wich einer warmen, Natürlichkeit vermittelnden. Hippe Cafés sprossen wie Pilze aus der Erde, McDonalds machte mit Holzvertäfelungen auf chic und öko. Neue Produkte wie „Smoothies“ oder „Beats by Dr. Dre“-Headphones eroberten den Markt. Der Hit „Easy“ des Rappers Cro steht sinnbildlich für den Geist der damaligen Zeit.

Besonders kennzeichnend ist die — im Vergleich zu heute — nahezu völlige Entpolitisierung der Jugend und im Grunde genommen der ganzen Gesellschaft. In diesem ersten Abschnitt des Jahrzehnts kommt durchaus zu tragen, was Fukuyama als Ende der Geschichte proklamierte. Der Verlauf der Geschichte hatte dem Anschein nach seinen Endbahnhof erreicht, der im demokratischen Gewand daherkommende Neoliberalismus hatte sich zwei Jahrzehnte als herrschende (unsichtbare) Ideologie durchgesetzt und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sich — so zumindest die Lesart der Mainstream-Medien –die „Schurkenstaaten“ der Peripherie der Demokratisierung fügten. Stichwort: Arabischer Frühling. Was der Westen als Demokratie definiert hatte, schien die Spitze des historischen Fahnenmastes zu sein und scheinbar ging es nur noch darum, darauf zu warten, dass alle Staaten diesen Fahnenmast erreichten.

Die von den Siegern verfasste Geschichte musste jeder Schüler in den Geschichtsstunden innerhalb der Betonblöcke Schule auswendig lernen und jeder Erwachsene konnte sie sich als Infotainment mit Arte-Dokumentationen oder in Museen zu Gemüte führen. Aber höchst selten war Geschichte noch etwas selbst Erlebtes. Entweder ging man Tag ein Tag aus zur Schule, zur Uni oder seiner Erwerbstätigkeit nach.

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