Der Mensch als Ware

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14-01-20 10:56:00,

Katrin McClean: In Euerm letzten Film „Der marktgerechte Patient“ ging es um die Folgen der Fallpauschale und die Privatisierung von Krankenhäusern, also eines gewinnorientierten Wirtschaftens, dessen Leidtragende in erster Linie das Personal und die Patienten sind. Ihr habt dabei mit Kooperationspartnern wie dem Hamburger Bündnis für mehr Pflegepersonal und dem Verein der demokratischen Ärztinnen und Ärzte zusammengearbeitet. Hat Euer Film etwas bewirkt?

Franke: Auf jeden Fall. Wir sagen immer, dass er in den Blutkreislauf des Gesundheitssystems eingeschossen ist. Der Film wurde von zahlreichen Einrichtungen bestellt, von Krankenhäusern, Arztpraxen bis hin zu staatlichen Stellen. Er ging durch alle Ebenen des Gesundheitssystems und führte dazu, dass die Beteiligten, insbesondere Ärzte, endlich mal über diese Probleme gesprochen haben. Es wurden bundesweit viele Initiativen für mehr Personal im Krankenhaus gestartet. Es gab mehrere Proteste gegen Krankenhausschließungen, wo wir eingeladen wurden, um diese Aktionen zu unterstützen.

Euer neuer Film „Der marktgerechte Mensch“ untersucht die Problematik nun für die gesamte Gesellschaft. Was hat sich in den letzten Jahren verändert?

Lorenz: Bis in die 1980er Jahre hatten die Menschen in der BRD zu 70 bis 80 Prozent einen unbefristeten Arbeitsvertrag, der Sozialabgaben einschloss. Außerhalb der Arbeitszeit konnten die meisten Menschen ihre Zeit frei gestalten, ohne sich dabei von Märkten abhängig zu machen. Spätestens seit Ende der 1980er Jahre ist aber die Profitrate gesunken und dann entwickelte sich das, was man heute gemeinhin Neoliberalismus nennt, also dass Menschen sich mit Haut und Haar verkaufen müssen. Es reicht nicht mehr, dass du deine acht oder neun Stunden im Betrieb bist. Nur noch 40 Prozent aller Arbeitsverhältnisse sind unbefristet. Der Rest muss zusehen, dass er sich möglichst rund um die Uhr verkauft. Geringverdiener und Solo-Selbstständige haben dabei in der Regel keinerlei soziale Absicherung und müssen Beiträge zu Kranken- und Rentenkasse selbst erwirtschaften. Befristet Angestellte leben in ständiger Unsicherheit. Aber auch die Festangestellten sind wachsendem Druck ausgesetzt, der dazu führt, dass sie sich weit über die Arbeitszeit hinaus für den Betrieb engagieren.

Franke: Das Problem ist, kurz gesagt, dass Unternehmen nicht mehr Menschen engagieren und ihnen ein Tätigkeitsfeld zuordnen, sondern dass man abgeschlossene Jobs nach dem Prinzip Hire and Fire im Rahmen kurzfristiger Mitarbeit und oft ohne Sozialabgaben vergibt. Bedürfnisse außerhalb dieses Arbeitsverhältnisses spielen keinerlei Rolle, und das greift in immer stärkerem Maße die Würde des Menschen an.

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