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17-03-20 10:02:00,

17. März 2020

100 Jahre Dreigliederung des sozialen Organismus

von Walter Kugler

Jeder hat es gelesen, jeder?

“Marx würde sagen: Wenn nach mir einer kommt, der etwas Neues bringt und er heißt nicht Marx, sondern Steiner, dann haltet Euch an den lebendigen Geist und nicht an die alten Knochen.” [1] Das ist die Stimme eines Arbeiters, der sichtlich berührt war von dem ‘ Neuen’, das Rudolf Steiner in seinen einleitenden Worten an einer Betriebsräteversammlung in Stuttgart den Zuhörern in Herz und Sinn einprägte.

Das Neue, es kam nicht über Nacht, sondern erschien gleichsam als Zwischenbericht eines Jahrzehnte langen Beobachtens und Reflektierens der sozialen Verhältnisse im Großen wie im Kleinen, in der Weltwirtschaft wie im Zwischenmenschlichen. Bereits als als 27-Jähriger, im Jahre 1888, hatte Steiner in seiner Eigenschaft als Redakteur der Wiener Deutschen Wochenschrift die Debatten der Abgeordneten im Wiener Parlament verfolgt und die Geschehnisse in zahlreichen Zeitungsartikeln kritisch kommentiert. [2] So hat er sich u.a. mit der von Papst Leo XIII. am 20. Juni 1888 verkündeten Enzyklika Libertas praestantissimum donum (dt. Die Freiheit ist das vorzüglichste unter den natürlichen Gütern) kritisch auseinandergesetzt, um schliesslich einen Satz in das Gedächtnis seiner Zeit einzuschreiben, der sein eigenes zukünftiges Wirkungsfeld absteckte und zugleich programmatisch ein Stück der Postmoderne vorwegnehmen sollte: “Nur das für wahr halten, wozu uns unser eigenes Denken zwingt, nur in solchen gesellschaftlichen und staatlichen Formen sich bewegen, die wir uns selbst geben, das ist der große Grundsatz der Zeit.” [3] In jedem seiner damaligen Essays spürt man seine Präsenz, spürt man den Atem eines nicht dem Gleichschritt verpflichteten Denkers, und man spürt bereits den zukünftigen Verfasser einer Freiheitsphilosophie (1894), in der er jeglichem normativen Anspruch moralischer Gesetze eine deutliche Abfuhr erteilte.

Lässt man sich auf seine außergewöhnlichen Überlegungen einmal ein, dann wird man schon bald Zeuge eines rastlos Suchenden, bei dem es wohl ein Innehalten, aber keinen Stillstand gibt und der 25 Jahre später mit seinem Buch Die Kernpunkte der sozialen Frage, erschienen 1919, die Feuilletonisten namhafter Zeitungen beschäftigen wird, sei es bei der New York Times (14.1.1923), der New York Tribune (26.5.1921) oder der britischen Daily News (16.9. 1920). In letztgenannter war unter der Überschrift “Wie Kapital behandelt werden soll – Ein Buch, über das in Europa diskutiert wird” u.a. zu lesen: “Von jedem Denkenden des Kontinents wird ein auffallendes Buch besprochen,

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