Journalismus im Krankenstand

journalismus-im-krankenstand

26-03-20 11:59:00,

Der Corona-Krise nicht gewachsen: Die viel beschworene Funktion fürs demokratische Gemeinwesen kann Journalismus nur haben, wenn er anbietet, was zur Meinungsbildung notwendig ist

Dass der Journalismus der “Corona-Krise” nicht gewachsen sein wird, offenbarte sich spätestens mit der Heimholung Deutscher aus Wuhan am 1. Februar.

Die Tatsache, dass 128 körperlich gesunde Menschen mit einem Bundeswehrflugzeug nach Deutschland gebracht, zigfach untersucht und dann für zwei Wochen in einer Kaserne unter Quarantäne gestellt wurden, beobachteten die deutschen Medien wie die erste Mondlandung – und weil die Hauptdarsteller am Ende der langweiligen Prozedur nicht mit den Medien sprechen wollten, mussten Rotkreuzler berichten, welch große Herausforderung die zwei Wochen für alle waren.

Die Medien bemühten sich zwar redlich, jeden freigelassenen Nicht-Virenträger für die Heldengalerie festzuhalten, vergaßen darüber allerdings ganz, ein paar kritische Fragen zu stellen. Dabei lag doch auf der gewaschenen Hand: Einen solchen Aufwand kann man für eine einmalige PR-Show veranstalten, aber nicht für alle Menschen, die künftig das Coronavirus SARS-CoV-2 in sich tragen könnten.

Inzwischen haben Politik und Behörden die größten Grundrechtseinschränkungen in der Geschichte der Bundesrepublik verhängt, ohne dass die führenden Medien irgendeine Orientierungsleistung erbracht hätten. Man möchte spotten, sie hätten ihr kritisches Potential bereits an einem unverstandenen Toilettenwitz entladen, doch tatsächlich scheint das Problem grundsätzlicher zu sein, wie schon viele Diskussionen um “Haltung im Journalismus” vermuten ließen.

Die viel beschworene Funktion fürs demokratische Gemeinwesen kann Journalismus nur haben, wenn er anbietet, was zur Meinungsbildung notwendig ist. Das sind natürlich zuallererst die sogenannten Fakten, also Aussagen, die zumindest intersubjektiv überprüfbar sind.

Eine freie Gesellschaft braucht Meinungsvielfalt

Die meisten Fakten sind an sich jedoch noch wertlos – wie derzeit die vielen Zahlen zu Corona-Fällen. Sie müssen entweder mit anderen Fakten verbunden oder interpretiert werden, wobei jede Interpretation eine Meinung ist. Und eine Meinung ist nur dann hilfreich, wenn ihr andere Meinungen entgegenstehen, andernfalls geriert sich die unwidersprochene Meinung wahlweise als Fakt oder Glaube.

Das gesamte Medienrecht, ausgehend von der grundgesetzlichen Pressefreiheit, fußt auf dieser Annahme: Eine freie Gesellschaft braucht Meinungsvielfalt, sie ist für die Demokratie geradezu konstitutiv (vgl. z.B. 3. Rundfunkentscheidung des BVerfG).

Während viele den täglichen NDR-Podcast “Das Coronavirus-Update”

 » Lees verder

%d bloggers liken dit: