Das Seltsamste für Brasilien: kein Körperkontakt, keine Umarmungen, kein Schulterklopfen

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12-04-20 09:32:00,

Communidade Mangueira da Torre. Bild: Peter Schröder

Der Anthropologe Peter Schröder berichtet aus Recife: Bei den einkommensschwachen Gesellschaftsschichten sieht es bereits dramatisch bis katastrophal aus

Unter dem Eindruck der unzureichenden Maßnahmen, das Corona-Virus einzudämmen, macht sich in Brasilien Unmut gegen Bolsanaro breit. Die Fake News, die sich der Präsident und seine Söhne in ihrem “gabinete do ódio”, dem “Hass-Zimmer” im Regierungspalast, ausdenken, wollen nicht mehr wirken. In den Großstädten gehen die Bewohner auf Balkone und schlagen mit Löffeln gegen Topfböden oder schalten ihr Licht rhythmisch ein und aus: Die “panelaços” zeigen die sinkende Popularität von “Bozo” an.

Olaf Arndt fragt den Anthropologen Peter Schröder, wie sich der Alltag unter COVID19 anfühlt? Schröder lebt seit 1996 in Brasilien und seit 2001 in Recife.

1. Hellcife

Im März und April ist die schwüle Hitze in Recife fast unerträglich. Aber nicht nur deswegen wird die Stadt von jüngeren Bewohnern auch Hellcife genannt. An gewöhnlichen Tagen ist nämlich die Fortbewegung eine Hölle. Die Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Pernambuco wurde bereits zu den zehn am meisten verstopften Städten der Welt gerechnet, obwohl man relativierend ergänzen sollte, dass man in Brasilien das eigene Land sehr gerne irgendwie zur Weltspitze rechnet. Dafür können durchaus auch negative Aspekte herhalten.

Das Stadtgebiet selbst hat etwa 1,65 Millionen Einwohner, die Stadtregion über 4 Millionen. In Recife selbst gibt es um die 700.000 Fahrzeuge. Während der Stoßzeiten, den picos, wird die Stadt deswegen regelmäßig von Autos überschwemmt. Etwas ruhiger ist es in der Hauptferienzeit, die sich normalerweise von Weihnachten bis zum Karneval erstreckt.

Aber am 1. Februar beginnt die Schulzeit, und von einem Tag auf den anderen gibt es etwa 250.000 Autos mehr auf den Straßen, weil die Mittelschicht es partout nicht zulassen kann, dass ihre Kids alleine zur Schule gehen und von dort nach Hause zurückkehren, selbst wenn es zu Fuß locker möglich wäre. Nach den Berechnungen einiger Verkehrsexperten tragen Personenbeförderungs-Apps, die aplicativos wie Uber oder 99, dazu bei, dass in Recife pro Tag etwa 100.000 Fahrzeuge weniger auf den Straßen kursieren, weil viele Leute sich den Fahrstress ersparen wollen.

Meine Lebenspartnerin und ich wohnen in Madalena, einem recht angenehmen, relativ zentralen Stadtviertel mit guter Infrastruktur. Die Barbarei des Straßenverkehrs kriegen wir normalerweise fast jeden Tag durch das verrückte Gehupe und einen Blick vom Balkon unserer Wohnung im 14.

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