Umgekehrte Welt

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13-04-20 10:17:00,

„Es waren einmal ein guter Wolf, der von den Schafen malträtiert wurde, ein böser Prinz, eine wunderschöne Hexe und ein ehrlicher Pirat.“ So beginnt das Gedicht El mundo al revés — Die umgekehrte Welt des 2017 verstorbenen spanischen Schriftstellers José Agustín Goytisolo. Er erkannte die Verdrehungen in der Welt und sah den Verführer hinter dem Wohltäter und den Helden hinter dem Verfemten. Es war eine Zeit, in der Menschenrechtler als Terroristen verfolgt und Friedensaktivisten und Umweltschützer ermordet wurden, eine Zeit, in der man angab, Frieden mit Krieg erreichen zu können — möchte ich hinzufügen.

Wir wissen heute nicht mehr, wo oben und wo unten ist. In den modernen Märchen sind die Guten nicht mehr gut und die Bösen nicht mehr böse, und in der Politik werden linke und rechte Extreme so miteinander verdreht, dass es immer schwieriger wird zu erkennen, aus welcher Ecke der Wind eigentlich weht. Ein einfaches „Cui bono? — Wem zum Vorteile?“ degradiert heute den Fragenden zum Verschwörungstheoretiker und macht ihn zum Systemfeind. In unserer verkehrten Welt werden Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen wollen, zu Verbrechern und Forschende, deren Erkenntnisse nicht in den Mainstream passen, zu Verfolgten. Währenddessen kommt von den Persönlichkeiten, die im Rampenlicht stehen und die sich von den Massen bewundern lassen, kaum ein Mucks.

Kaum noch jemand weiß, aus welcher Quelle er seinen Optimismus schöpfen soll, ohne lächerlich zu wirken. Auch ich bin immer wieder ratlos, stehe voller Fassungslosigkeit, Wut und Traurigkeit vor den Geschehnissen und habe Mühe, meine Hoffnung und mein Vertrauen in der Realität bestehen zu lassen. Dabei hilft mir meine Schwäche für das Märchenhafte, Wundervolle, Magische, das ich mir aus meiner Kinderzeit bewahrt habe. Ich habe mich nie mit dem zufriedengeben können, was ich vor Augen habe und mich immer von dem angezogen gefühlt, was sozusagen zwischen den Zeilen steht.

So möchte ich für einen Augenblick Märchenfee sein, und es den Alchimisten gleichtun, die seit Menschengedenken Blei in Gold verwandeln. Schweres, Dunkles und scheinbar Wertloses finde ich zuhauf um mich herum. Wenn ich nur den Kopf hebe, dann sehe ich genug Bedrückendes, Beängstigendes und Bedrohliches, um damit mehr als 1001 Nacht zu füllen. Nur Mut also, Scheherazade, und an die Arbeit! Es geht um dein Leben!

Ich nehme also meinen Zauberstab mit dem Stern oben drauf,

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