Die Machtelite – Rezension eines soziologischen Klassikers

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16-05-20 10:21:00,

Der Westend-Verlag hat das Werk „Die Machtelite“ des US-amerikanischen Soziologen C. Wright Mills neu aufgelegt. Dieser Klassiker der amerikanischen Soziologie erschien erstmals 1956. Ein Buch, dessen Lektüre sich auch heute noch lohnt, meint Udo Brandes. Er hat das Buch für die NachDenkSeiten gelesen.

Als ich Politik studierte, besuchte ich im 2. Semester ein Seminar über die Soziologie Max Webers. Mich interessierte vor allem, was er über Macht zu sagen hatte. Weil mich das Thema „Macht“ überhaupt grundlegend interessiert. (Warum auch studierte man sonst Politikwissenschaft?) Deshalb hat es mich gefreut, dass der Westend-Verlag diesen Klassiker der Machtsoziologie, den ich noch nicht kannte, neu auflegte. Bei der Lektüre stellte ich dann auch noch fest, dass Mills Macht mit Webers klassischem Begriff definiert: „Macht ist die Chance, den eigenen Willen auch gegen den Widerstand anderer durchzusetzen.“ So konnte ich bei der Lektüre quasi einen biografischen Bogen schließen.

Mills Werk mit insgesamt 574 Seiten (inklusive Vorwort) ist kein Buch, das man wie einen Roman in einem Zug durchliest. Sondern eher ein Buch, das man immer wieder zur Hand nimmt, weil einen das Thema „Machtelite“ interessiert und beschäftigt (siehe dazu auch das Inhaltsverzeichnis am Ende der Rezension).

Warum einen soziologischen Klassiker aus dem Jahr 1956 lesen?

Aber warum sollte man für dieses Interesse ausgerechnet ein Buch lesen, dessen Forschungsstand das Jahr 1956 ist? Und das die gesellschaftlichen Verhältnisse und die Machtelite eben dieser Zeit porträtiert? Was nützt einem dies heute noch?

Nun, zum einen haben sich die Verhältnisse nicht so grundlegend verändert. Von mancher Zeile aus Mills Werk könnte man meinen, sie sei in diesen Tagen geschrieben worden. Zum anderen lohnt es sich aus demselben Grund Mills zu lesen, aus dem es sich auch heute noch lohnt, den großen Soziologen Max Weber oder Karl Marx zu lesen: Weil sie Grundlegendes beschrieben haben, das weit über den Tag hinaus Bedeutung hat. Um ein Beispiel zu nennen: Viele Experten hielten es für praktisch ausgeschlossen, dass Donald Trump die letzte Wahl zum US-Präsidenten gewinnen könnte, weil er sich vollkommen konträr zu den Rollenerwartungen an einen Präsidenten bzw. Präsidentschaftskandidaten verhielt. Vielleicht hätte sie ein Blick in Mills Werk vorsichtiger gemacht. Er schreibt:

„Während die meisten Menschen die ihnen zugewiesene Rolle genauso spielen, wie es ihrer Stellung entsprechend von ihnen erwartet wird,

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