Seelengeschichte ist Weltgeschichte

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20-05-20 01:31:00,

Jeder Anfang führt zu einem Ende, und jedes Ende ist ein neuer Anfang. Was heißt denn Leben? Die Gesellschaft und die Menschen durchschauen, aber nicht hinnehmen. Sie meinetwegen annehmen, doch niemals hinnehmen. Leben heißt doch, an die Veränderbarkeit des Bestehenden zu glauben, an die Möglichkeit des Wandels. Nichts bleibt bestehen, alles verändert sich. Hierin begründet sich die Hoffnung.

Ohne Hoffnung wäre das Leben nur ein Schattendasein, ein Dahinvegetieren. Die Rede ist von tätiger Hoffnung, die etwas bewirkt; von einer geistigen Haltung, die Visionen und Utopien gebiert, die Wirklichkeit werden. Leben heißt: Mich und die Gesellschaft, in der ich lebe, verwandeln. Leben — eine ganz besondere Art der Alchimie!

Ich bin, was ich suche — nicht, was ich finde. Ich bin nicht, was ich bin, sondern was ich werde. Indem ich mich verändere, werde ich zu dem, was ich bin. Was ich bin, bin ich durch meine Bereitschaft zur Verwandlung.

Die Angst vor dem Leben liegt manchem zugrunde, was mich ausmacht. Die Angst hat eine autistische Dimension: Sie kann das Vertrauen beeinträchtigen, die Liebe bezwingen und die Hoffnung zerstören. Zuweilen ist sie der perfekte Nährboden für Aggressionen. Die Angst ist ein unerbittlicher Gegner. Unterliege ich ihr, habe ich aufgehört, unterwegs zu sein — unterwegs zu den anderen und unterwegs zu mir selbst. Der Mut, mich zu verwirklichen, leugnet die Angst keineswegs; er überwindet sie bestenfalls.

Wenn ich mich fürchte, verpasse ich das Leben. Ich umgehe die Pfützen, um nicht nass zu werden. Die Furcht vor dem Bestehenden lässt mich verstummen. Ich schweige aus Angst vor dem Klang meiner Worte, vor ihrem geheimen Sinn. Ich ziehe mich in den entferntesten Winkel meiner selbst zurück, um nicht wahrhaben zu müssen, dass ich nicht lebe. Und fasse ich mir doch einmal ein Herz und tanze durch die Pfützen und führe Gespräche, dann ahne ich, dass die Angst überwunden ist. Dann erkenne ich, dass ich nicht an der Welt leide, sondern an mir selbst. Und ich erfahre, dass die Wahrheit erlöst.

Das Leiden und die Trauer sind der dunkle Grund, auf dem ich existiere. Doch da gibt es auch den Humor, die Freude und das Glück, es gibt die Augenblicke der Selbstvergessenheit, die mich über den Grund erheben in die lichte Schönheit des Daseins. Das Lob des Lebens, geboren aus der Fähigkeit zum Staunen,

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