Verschulde dich immer – und vor allem in der Not

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22-05-20 03:27:00,

Hanspeter Guggenbühl / 22. Mai 2020 –

Die Staaten erhöhen ihre Schulden, um die Wirtschaftskrise nach der Corona-Epidemie zu lindern. Das Gleiche tun sie seit 20 Jahren.

«Spare in der Zeit, so hast Du in der Not», weiss der Volksmund. Auf dieser Tugend basiert die private Vorsorge. Das gleiche Rezept, aber in umgekehrter Reihenfolge, empfehlen Anhänger einer antizyklischen Wirtschaftspolitik dem Staat: Verschulde Dich in der Not, und wenn die Not vorbei ist respektive die Wirtschaft wieder wächst, kannst Du die Schulden tilgen. Mit diesem Rezept berufen sie sich auf Theorien des Ökonomen John Maynard Keynes.

Den ersten Teil dieses Rezepts befolgen zurzeit alle Staaten, um die Not zu lindern, welche die Corona-Epidemie ihren Volkswirtschaften beschert. In der Schweiz etwa dürften 2020 die Staatschulden allein auf Bundesebene um 30 bis 60 Milliarden Franken steigen, rechnet Finanzminister Ueli Maurer. Noch weit höhere Schulden türmen zurzeit die USA und die EU-Staaten auf, um Unternehmen und Haushalte finanziell zu unterstützen. Das Gleiche taten sie schon, um frühere Krisen wie etwa den Finanzcrash 2008/09 abzufedern.

Staatschulden wuchsen stärker als die Wirtschaft

Der zweite Teil dieser antizyklischen Wirtschaftspolitik hingegen, die Schuldentilgung, geht meist vergessen. Das zeigt der Blick zurück. Auch in Jahren ohne Not erhöhten die meisten Industrieländer ihre Staatsschulden. Sie taten das nicht, um eine Rezession zu lindern, sondern um das Wachstum der Wirtschaft zu stützen. Mehr noch: Die Schulden der meisten Industriestaaten wuchsen in den letzten 20 Jahren stärker als ihre Volkswirtschaften. Die Wirtschaft wächst also schon lange nur noch auf Pump. Das zeigt die untenstehende Grafik über den Anteil der Staatsverschuldung, gemessen am Bruttoinlandprodukt (BIP), im Zeitraum von 2000 bis 2018.

Entwicklung der Staatsverschuldung in den USA, der Eurozone und der Schweiz (Bund, Kantone, Gemeinden) von 2000 bis 2020. Grafik: Guggenbühl

Die USA etwa (blaue Kurve) erhöhten ihre Staatsschulden von 50 Prozent im Jahr 2000 auf über 100 Prozent ihres BIP im Jahr 2018; der Finanzcrash 2008 bewirkte den ausgeprägtesten Knick nach oben. Ähnlich, wenn auch etwas weniger steil, stieg die Staatsverschuldung seit 2000 in Europa (siehe orange Kurve der Eurozone). Dabei gibt es in Europa je nach Land deutliche Abweichungen: Während die Schuldenquote in den südlichen Staaten (Italien, Spanien, Griechenland, etc.) in den letzten 18 Jahren überdurchschnittlich zunahm,

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