Das Sieger-Narrativ

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23-05-20 11:06:00,

Die DDR sei 1989 eine „bankrotte und ausgelaugte Ruine“ gewesen, behauptete die Journalistin Ulrike Herrmann 2019. Deshalb sei das Handeln der Treuhandanstalt alternativlos gewesen. Ähnliches wie das, was in Herrmanns Buch „Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen“ zu lesen ist, wird weitgehend als politisches und mediales Allgemeingut verkauft, seitdem der zweite deutsche Staat 1990 von der Landkarte verschwand.

Für den Wirtschaftsexperten Klaus Blessing wirkt das, als sei es notwendig, diese Legenden von der „maroden DDR-Wirtschaft“ bis heute zu wiederholen. Angesichts der Jubiläen vom „Mauerfall“ und der deutschen Einheit sowie der Gründung der DDR 1949 werde „wieder Dreck über die DDR ausgekippt“, stellte er im Gespräch mit Sputniknews fest. „Damit keiner auf die Idee kommt: Da war ja mal was, was gar nicht so verkehrt war“, fügte er hinzu.

Blessing (Jahrgang 1936) ist Ökonom und war als Staatssekretär im DDR-Ministerium für Erzbergbau, Metallurgie und Kali und seit 1986 als Abteilungsleiter für Maschinenbau und Metallurgie unter SED-Wirtschaftssekretär Günter Mittag tätig gewesen. Er hatte Einblick in Interna der DDR-Wirtschaftsführung. Darüber hat er 2016 das Buch „Wer verkaufte die DDR?“ veröffentlicht, das 2019 neu aufgelegt wurde.

Der Titel sei provokativ gemeint, erklärte der Autor im Gespräch. Es könne auch gefragt werden: „Wer verschenkte die DDR?“ Doch er selbst gebe keine einfachen Antworten, betonte Blessing. Er wolle nicht in den Chor derjenigen einstimmen, die sagen „Die Treuhand war’s“. Die vor 30 Jahren gegründete Treuhand-Anstalt habe zwar den Verkauf der DDR-Wirtschaft abgewickelt. Aber diese Institution sei nicht allein verantwortlich, sondern „nur das letzte — wenn auch wuchtige — Rad im Getriebe“ gewesen.

„Die Treuhand hat überhaupt keine Fehler gemacht“, widersprach Blessing jenen, die von Fehlern der vor 30 Jahren gegründeten Anstalt sprechen. Das hatte selbst deren einstige Chefin, Birgit Breuel, im vergangenen Jahr getan. „Die Treuhand hat einen politischen Auftrag gehabt“, erinnerte der Buchautor.

Dieser Auftrag sei bereits nach der Gründung von BRD und DDR 1949 aufgestellt worden, als 1952 auf westdeutscher Seite der „Forschungsbeirat für gesamtdeutsche Fragen“ gebildet worden sei: „Er lautete: Die DDR muss weg!“ Das Gremium, das bis 1972 arbeitete, habe die Szenarien für den „Tag X“ ausgearbeitet, an dem die Bundesrepublik die DDR übernimmt.

„Die hatten alles ausgearbeitet: Wie man eine Währungsunion macht, wie man volkseigene Betriebe reprivatisiert.

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