Wer hatte Angst vor Olof Palme?

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17-06-20 09:06:00,

Helmut Scheben

Helmut Scheben / 17. Jun 2020 –

Der Schwede war für die NATO der Feind Nr.1 unter den westlichen Politikern geworden.

Ein hasserfüllter Einzeltäter soll es also gewesen sein, der den schwedischen Ministerpräsidenten an jenem kalten Winterabend im Februar 1986 erschoss. Stig Engström, Waffennarr, Versicherungsangestellter, politisch rechtsstehend, mit Alkoholproblemen. So verkündete es Staatsanwalt Krister Petersson vergangene Woche, und damit wird der Fall nach 34 Jahren offiziell abgeschlossen, denn der Täter ist seit 20 Jahren tot.

Die Sache erinnert ein wenig an die Walliser Geschichte von dem Jäger, der gern Wölfe oder Luchse abschoss, und keiner der Jagdfreunde wusste, wer es war. Als sie dann endlich angaben, sie wüssten es, war es einer, der schon verstorben war.

Die grossen Medien machten letzte Woche für einmal ihre Hausaufgabe: die kritische Kontrolle der öffentlichen Meinungsbildung. «Die Beweise sind so dürftig, dass von Abschluss keine Rede sein kann», lautete ein Kommentar der Neuen Zürcher Zeitung. Der Tagesanzeiger titelte: «Ein Schlusspunkt, der keiner ist». Selbst die öffentlich-rechtlichen TV-Sender, die im Tagesschau-Kurzfutter selten die Hintergründe beleuchten können, deuteten Zweifel an.

Bei alldem kann man Staatsanwalt Petersson keine Unkorrektheit unterstellen. Er hatte den Mut, in seinen Ausführungen die haarsträubenden Versäumnisse der schwedischen Ermittlungsbehörden zu erwähnen. Und wahrscheinlich gab es in den vergangenen 34 Jahren immer wieder integre Polizisten, Staatsanwälte und Offiziere der Streitkräfte, die versuchten, Licht ins Dunkel der Sache zu bringen.

Was dabei aber am meisten erstaunt, ist die Emsigkeit, mit der in zehntausend Verhören und einem Aktenberg, der Schiffscontainer füllt, alle möglichen Spuren von Südafrika bis zur kurdischen PKK verfolgt wurden, am wenigsten indessen die eine Spur, die wohl unmittelbar naheliegend war: Olof Palme wurde in Washington als Sicherheitsrisiko eingestuft. Die US-Geheimdienste DIA und CIA hatten in Zusammenarbeit mit hohen britischen und US-NATO-Offizieren alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Regierung Palme zu schwächen.

Das hat der Schwede Ola Tunander, bis 2016 Experte für Geopolitik am norwegischen Institut für Friedensforschung (PRIO), eindrücklich nachgewiesen. 2004 erschien sein Buch «The Secret War Against Sweden – US and British Submarine Deception in the 1980s». Dort kommt er zu dem Schluss, die NATO habe mit False-Flag-Operationen eine sowjetische Bedrohung simuliert, um Palmes Entspannungspolitik zu hintertreiben. Tunanders Ergebnisse beruhen auf der Auswertung von klassifizierten Dokumenten und mehrerer Dutzend Gesprächen mit Entscheidungsträgern im NATO-Bereich.

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