Aufstrebende Macht

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18-06-20 09:31:00,

„Stehende Heere sollen mit der Zeit ganz aufhören. Denn sie bedrohen andere Staaten mit Krieg durch die Bereitschaft, immer dazu gerüstet zu erscheinen; reizen diese an, sich einander in der Menge der Gerüsteten, die keine Grenze kennt, zu übertreffen …“

— Immanuel Kant: Zum Ewigen Frieden, 3. Präliminarartikel

Binnen eines Vierteljahrhunderts hatte das Deutsche Reich zwei Weltkriege vom Zaun gebrochen. Der Zweite endete mit der nahezu vollständigen Zerstörung Europas und der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands. Die Siegermächte wie die nicht zuletzt aufgrund des Horrors des Zweiten Weltkriegs gegründete Organisation der Vereinten Nationen legten den Grundstein für eine Ordnung, die ein Wiederaufleben des deutschen (und japanischen) Militarismus für immer verhindern und den Krieg als Mittel der Politik ein für alle Mal bannen sollte. In Deutschland selbst herrschte ein weitgehender Konsens: „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!“ Der preußisch-deutsche Militarismus, der bis dahin maßgeblich die politische Kultur in Deutschland geprägt hatte, schien als deren sinnstiftendes Element endgültig überwunden. So schrieb der Militärhistoriker Wolfram Wette (2005: 30) mit Verweis auf den Friedensforscher Ekkehart Krippendorff (1934 bis 2018):

„Immerhin habe die Militär- und Militarismuskritik in den letzten hundert Jahren die früher selbstverständliche Legitimität von Militär und Krieg zumindest teilweise zu Fall gebracht.“

Die Frage nach der Legitimität von Krieg als Mittel der Politik durchzieht die philosophische Diskussion seit der griechischen Antike, fand bis heute immer neue Höhepunkte wie etwa in Thomas von Aquins Überlegungen zum gerechten Krieg oder in Clausewitz’ Formulierung von Krieg als bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Diese Tradition in der Lehre von den Internationalen Beziehungen gilt allgemein als „realistische Schule“, sie prägt als herrschender Ansatz dieser politikwissenschaftlichen Teildisziplin noch heute die fachwissenschaftliche Diskussion. Mehr noch scheint sie das Handeln in der Außenpolitik zu bestimmen, wie sie Hans J. Morgenthau (1948) in seinem, als klassisch geltenden Werk „Politics among Nations“ entwickelt hat. Ihm zufolge streben Staaten von Natur aus nach Macht. Das internationale System ist daher anarchisch, dem Völkerrecht erkennt er nur marginale, korrektive Kompetenz zu.

So ist internationale Politik ein immerwährender Kampf um Macht, Militär wird so zum wichtigsten Machtinstrument, Frieden erscheint als immer prekäres Resultat von Überlegenheit und Bedrohung.

Demgegenüber steht die Minderheit der Vertreter der „idealistischen Schule“, die in der Entwicklung von Institutionen und Verträgen, im Völkerrecht und seiner Weiterentwicklung die Möglichkeit sieht,

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