Die Medien in der Trump-Falle

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18-06-20 09:29:00,

Matthias Zehnder

Matthias Zehnder / 18. Jun 2020 –

Je abstruser der Blödsinn ist, den Trump von sich gibt, desto besser sind die Quoten, die er den Medien verschafft.

Stellen Sie sich vor, Sie wären Blattmacher einer Zeitung oder Produzent einer Nachrichtensendung im Fernsehen. Journalisten bieten Ihnen also Geschichten und Bilder an und Sie entscheiden darüber, welche Geschichte ins Blatt oder in die Sendung kommt. Sie arbeiten gerade an der Seite oder der Sequenz über internationale Politik. Sie haben die Wahl zwischen zwei Geschichten: Die erste Geschichte dreht sich um die Frage, ob die USA den Afroamerikanern Reparationen für die Sklaverei zahlen und so den systemischen Rassismus in der Gesellschaft ausgleichen soll.1) Die zweite Geschichte handelt davon, wie sich Donald Trump von Polizisten mit Tränengas den Weg vom Weissen Haus zu einer kleinen Kirche freiprügeln lässt, damit er danach mit einer Bibel in der Hand vor dieser Kirche für Fotos posieren kann.2) Welche Geschichte bringen Sie?

Es ist beispielhaft eine typische Entscheidung, wie sie Blattmacher und Produzenten jeden Tag zu fällen haben. Die Geschichte über den systemischen Rassismus in den USA ist relevant: Sie erklärt den Zusammenhang zwischen der Sklaverei und der heutigen, systematischen Benachteiligung der Schwarzen in den USA. Sie erklärt damit den Hintergrund der Unruhen, wie wir sie heute erleben. Doch der Stoff ist kompliziert. Die zweite Geschichte ist ein klassischer Aufreger. Zudem gibt es dazu ein Bild mit Symbolcharakter: Donald Trump mit der Bibel in der Hand vor der St. John’s Church. Diese Geschichte verspricht alles, was eine Story haben muss: Sie handelt von Menschen, es passiert etwas, es ist emotional, ja sensationell. Wenn Sie verantwortlich wären für eine Zeitung oder eine Sendung und damit auch für die Quoten, die Sie mit ihren Inhalten erzielen, wäre der Fall klar: Sie setzen auf Trump.

Trump fast so wichtig wie das Wetter

Dass die Medien sich auf Trump stürzen wie die Schmeissfliegen, ist nicht neu. Seit Donald Trump 2015 auf der Rolltreppe im Trump-Tower seine Kandidatur bekannt gab, beherrscht er die Schlagzeilen. Während des Vorwahlkampfs, als die republikanische Partei in einem internen Wahlkampf ihren Kandidaten kürte, brachte es Donald Trump im Fernsehen auf mehr Sendezeit als alle 16 anderen republikanischen Kandidaten zusammengenommen! Im eigentlichen Wahlkampf ging es genauso weiter: Trump beherrschte die Schlagzeilen.

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