Armut: „Kein Politiker kann sagen, er habe von nichts gewusst“

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21-06-20 12:28:00,

Obdachlose, Hartz-IV-Empfänger, Geflüchtete: Die Corona-Krise hat auch diese Menschen vor besondere Herausforderungen gestellt. Der Mainzer Mediziner Gerhard Trabert, der seit vielen Jahren durch seine Arbeit den Armen vor Ort hilft und sie medizinisch betreut, zeigt im NachDenkSeiten-Interview auf, wie es den Armen in der Pandemie ergeht. Trabert kommt zu dem Fazit, dass auch in der Corona-Krise die Trennlinien zwischen Armen und Bessergestellten in unserer Gesellschaft deutlich sichtbar werden. Der Professor für Sozialmedizin kritisiert im Interview auch die Politik: „Gegenüber den Armen verhält Politik sich oft mit großer Distanz. Politiker kümmern sich mehr um die Lobbyisten dieser kapitalistischen Demokratie.“ Von Marcus Klöckner.

Herr Trabert, Sie sind Arzt, setzen sich schon seit langem aktiv für die Armen, die Benachteiligten in unserer Gesellschaft ein. Wie erleben Sie die Auswirkungen der Pandemie auf die Armen?

Schon zu Beginn der Pandemie war mir klar, dass es eine Gruppe gibt, um die wir uns besonders kümmern müssen: die obdachlosen, die wohnungslosen Menschen. Wenn wir uns mit dieser Personengruppe auseinandersetzen, erkennen wir sofort, was die Pandemie für die Ärmsten bedeutet. Ausgangsbeschränkungen wurden angeordnet, aber diese Menschen haben überhaupt keine Bleibe. Sie leben oft im Freien oder in Notunterkünften. Sie können gar nicht drinnen bleiben, weil ihnen eine Wohnung fehlt. Für unsere Patientinnen und Patienten war das eine dramatische Situation. Anlaufstellen, die normalerweise zumindest etwas Hilfe bieten, wie etwa Tafeln, Teestuben, diverse Beratungsstellen, haben plötzlich ihr Angebot runtergefahren, teilweise haben sie ganz geschlossen. Die obdachlosen Menschen waren ganz auf sich gestellt. Von Betroffenen, die im öffentlichen Raum übernachtet haben, weiß ich, dass auch die Toiletten geschlossen wurden.

Da das öffentliche Leben weitestgehend zum Erliegen kam, gab es auch kein Flaschenpfand mehr in den Papierkörben der Stadt. Die Realität ist: Für nicht wenige Arme ist das Flaschenpfand eine Einkommensquelle, die sie dringend benötigen.

Wie haben Sie den Menschen geholfen?

Wir sind durch unsere Arbeit natürlich sehr nah bei den Menschen, kennen ihre Lebenssituation, sehen, was ihnen fehlt. Wir haben bei der Politik frühzeitig angeklopft und angesprochen, welche Probleme es gibt.

Daraufhin wurden die Toiletten wieder geöffnet. Wir haben gefordert, dass Unterbringungsmöglichkeiten für wohnungslose Menschen zur Verfügung gestellt werden. Sei es in Pensionen, Hotels usw.

Wie hat die Stadt Mainz reagiert?

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