Maskenball der Egozentrik

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22-06-20 02:20:00,

„Sie gefährden mich, wissen Sie das eigentlich?“, das fragte neulich ein Fahrgast mit Maske einen Fahrgast, der keine Maske trug. Die Frage war natürlich ein rhetorischer Kniff, der Maskierte wollte vom Unmaskierten ja nicht wirklich wissen, ob er das weiß oder nicht. Er fühlte sich bedroht, wähnte sich vermutlich gar in Lebensgefahr. Nach gesetzlicher Sachlage hatte er ja recht. Und wenn man recht hat, macht Maßregelung natürlich besonders Spaß.

Am selben Tag, als der Autor diese Szene in der Tram beobachtete, begegnete ihm im bekanntesten aller sozialen Netzwerke, ein anderer Maskenverpflichteter. Mindestens 20.000 Euro, besser aber noch 35.000 Euro Strafe für von der Maske nicht begeisterte Personen sollten es schon sein. Sie gefährdeten schließlich ihr Umfeld, nehmen deren Krankheit und auch Tod in Kauf. „Wer mich töten will, den werde ich zuerst töten“, schloss er seine Einschätzung und wanderte so von einer saftigen Geldstrafe gleich hinüber zur Lynchjustiz, als sei das dasselbe. Applaus war ihm natürlich sicher, endlich sagts mal einer.

Natürlich war das vollkommen überzogen, aber halt auch nicht ganz falsch, was er da absonderte. Denn er brachte das Gefühl des Augenblicks, den allgemeinen Corona-Zeitgeist auf einen dramatischen Punkt: So wie er ticken mittlerweile viele da draußen. Ich habe mir an einem schwülen Tag auf einer Straßenbahnfahrt neulich kurz die Maske runtergezogen, ich musste durchatmen, war verschwitzt unter dem Ding. Prompt schüttelten zwei Mitfahrer, die mir gegenübersaßen, verächtlich mit dem Kopf, während sie mich mit funkelnden Augen anstarrten. Sie fühlten sich offensichtlich von mir bedroht.

Es ging um ihre Gesundheit — meine zählte da nicht. Ja, ein bisschen zynisch gesagt: Sie trugen ihre Masken irgendwie nicht mehr nur für die Mitmenschen, sondern für sich selbst, sie wollten selbst geschützt werden. Der Maskenheld frönt nach Tagen der medialen Beschwörung in Wahrheit einem Maskenegoismus und zeigt daher nicht den Funken von Kulanz oder Nonchalance.

Schließlich geht es um seine Gesundheit, dass er ein Held sein soll, gilt nur zur Außendarstellung. Im regulären Umgang miteinander, draußen im Alltag, sieht die Sache weniger selbstlos, dafür viel egozentrischer aus. Dass der, der die Maske mal abzieht, durchatmet, sie vielleicht nicht ganz über die Nase trägt, ein ebensolcher Mensch ist, der auf seine eigene Gesundheit, seine eigene Befindlichkeit achtet, blendet diese Haltung aus. Der andere soll im Sinne eines selbstlosen Gemeinsinns maskiert sein,

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