Zivilisation des Übergangs

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23-06-20 10:22:00,

Kai Ehlers: Frau Golgofskaja, die WHO hat eine Pandemie ausgerufen. Was ist Ihre Sicht zu dieser Frage? Gibt es die Pandemie? Gibt es sie nicht. Was denken Sie dazu? Was ist das Wesen der Krise?

Irina Golgofskaja: Ich denke, es gibt keine Pandemie im vollen Sinn dieses Wortes. Ich bin Ärztin, Psychoanalytikerin, keine Epidemiologin, aber ich denke, was wir jetzt haben, ist im objektiven Sinn des Wortes keine Pandemie. Es ist eine gewöhnliche Grippeepidemie. Das Virus ist ein gewöhnliches Virus, wie es bei Schweinen, bei Kamelen und anderen Tieren auftritt, das auf uns übergegangen ist. Ich denke auch nicht, dass irgendjemand aus der „goldenen Milliarde“, ein Rockefeller, Bill Gates oder so, das Virus geschaffen hat oder dass sie von Donald Trump, Wladimir Putin oder Xi Jinping geplant wurde. Man könnte eher sagen, dass sie von Gott kommt. Mir gefallen die Kabarettisten, die sagen, dass im Grunde die missbrauchte Natur sich umstülpt und sich gegen den Menschen wendet.

Ich denke, dass wir heute in einer Zivilisation des Übergangs leben. Ich will sagen: Es ist eigentlich beliebig, wovon eine Krise ausgelöst wird, von einem Virus in Wuhan oder einer Rakete, die auf die Erde stürzt mit entsprechenden Folgen. Es ist nicht wichtig, was da passiert, wichtig ist, dass der ganze Planet jetzt zu Hause sitzt. Es ist eine systemische Situation. Die Menschen haben sich zuvor maßlos viel um den Globus bewegt. Es war schon lange an der Zeit, dass man zu Hause bleibt. Ich sage schon seit vier oder fünf Jahren: Man muss zu Hause bleiben und sich um die eigenen Dinge kümmern, nicht um irgendetwas, sondern um nützliche Dinge.

Nun gut, ich verstehe. Aber obwohl die Situation so ist, wie Sie es eben beschrieben haben, herrscht auch in Russland inzwischen ein Regime der strikten Kontrolle, mit dem versucht wird, das Virus aufzuhalten. Macht das Sinn?

Ich denke, dass in Zeiten einer Zivilisationskrise ein Zusammenbruch des gesamten Disziplinarraumes stattfindet, das sind Geburtshäuser, Kindergärten, Familie, Schulen, Wirtschaft, Armee, Religion, Medizin, Friedhöfe, einfach alles. Das alles bricht zusammen. Verwaltung, Polizei, auch die staatlichen Strukturen. Das Letzte, was bleibt, ist die Armee. Aber dieses ganze polizeiliche Regime, das macht nicht ein Putin oder irgendein überängstlicher Dummkopf. Diese Situation regieren höhere Kräfte, höhere, nicht menschliche. Das System entwickelt seine eigene Dynamik. So sehe ich das.

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