„Heuschrecke“ am Ohr. Wie eine gemeinnützige Beratungsstelle für Patienten zum Callcenter von Renditejägern wurde

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24-06-20 09:57:00,

Die „Unabhängige Patientenberatung Deutschland“ gehört einem Auftragnehmer der Krankenkassen, außerdem seit zwei Jahren einem Dienstleister der Pharmaindustrie. Interessenkonflikte, mangelnde Neutralität? Für die Bundesregierung gab es dafür bisher keinerlei Anhaltspunkte. Nach einer Untersuchung durch den Bundesrechnungshof könnte sich das jetzt ändern. Die Finanzwächter bemängeln Verschwendung, Intransparenz und Machenschaften, die nach „krummen Geschäften“ riechen. Das Gesundheitsministerium ist alarmiert und will die Sache prüfen. Von Ralf Wurzbacher.

Preisfrage: Wo ist eine Beratungsstelle, an die sich Menschen bei Konflikten mit Ärzten, Kliniken, Krankenkassen und Arzneimittelherstellern wenden, gut aufgehoben? Doch wohl kaum in den Händen von Ärzten, Kliniken, Krankenkassen und Arzneimittelherstellern. Von wegen: Mit der „Unabhängigen Patientenberatung Deutschland“ (UPD) verhält es sich praktisch genau so. Seit bald viereinhalb Jahren gehört die auf dem Papier „gemeinnützige“ Organisation zu einer Unternehmensallianz, bei der Gemeinnutz nichts und Eigennutz alles zählt. Dabei ist diese im weitesten Sinne allen zu Diensten, die im Gesundheitswesen etwas zu melden haben: den gesetzlichen und privaten Krankenversicherern, Krankenhäusern, Medizinern, der Pharmaindustrie. Und obgleich diese nicht selten in direktem Widerstreit mit den Bedürfnissen der Patienten stehen, vertritt der Verbund ganz offiziell auch deren Interessen.

Zumindest wird das behauptet und bisher hatte die Bundesregierung immer so getan, als glaubte sie daran. Schließlich war sie es auch, damals schon in Gestalt der großen Koalition, die die UPD zu dem gemacht hat, was sie heute ist: ein Konzernanhängsel. Zum 1. Januar 2016 war der kostenlose Beratungsdienst, der im gesetzlichen Auftrag agiert und Teil der Regelversorgung ist, nach einer europaweiten Ausschreibung als vermeintlich eigenständige Tochter an die Sanvartis GmbH mit Sitz in Duisburg übergeben worden. Dass diese ihr Geld insbesondere mit dem Betrieb von Callcentern für die gesetzlichen Krankenkassen verdient – kein Hinderungsgrund. Wie es von Kritikern heißt, war der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sogar die treibende Kraft hinter der Auslagerung.

Mit und gegen die Krankenkassen

Das hatte schon mehr als ein „Geschmäckle“: Tatsächlich ist nämlich die GKV der Hauptförderer der UPD. Diese erhält jährlich über neun Millionen Euro aus Beitragsmitteln der Versicherten. Dazu kommt noch ein vergleichsweise unerheblicher Beitrag aus der Kasse der Privaten Krankenversicherung (PKV). Die Frage drängte sich auf: Wie kann eine UPD unter dem Dach der Sanvartis „unabhängig“ in möglichen Streitfällen mit der GKV beraten, wenn die der wichtigste Sanvartis-Kunde ist und die UPD dazu noch an deren Tropf hängt?

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