Normopathie ist schwerste Krankheit unserer Zeit

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24-06-20 10:07:00,

Zugegeben, die Überschrift ist provokant, denn wer kann schon mit Sicherheit sagen, welche Krankheit, die zurzeit auf der Welt grassiert, die folgenschwerste ist? Aber nach meiner ganz persönlichen Meinung sehe ich die Normopathie, das heißt die zwanghafte Anpassung an genormtes Verhalten und Denken, als die folgenschwerste Krankheit unserer Zeit an.

Der Kognitionsforscher Rainer Mausfeld beschreibt in seinem brillanten Buch „Warum schweigen die Lämmer“ auf sehr klare Weise die psychologische Tendenz des Menschen, den Status quo allen anderen, auch objektiv deutlich besseren Alternativen vorzuziehen. Geschichtliche Beispiele sind hinreichend bekannt. Viele Sklaven in den US-amerikanischen Südstaaten kämpften im Bürgerkrieg freiwillig für ihre Besitzer und gegen ihre potenziellen Befreier. Lebensgewohnheiten können sich noch so schädlich auf die Gesundheit und Lebensfreude von Menschen auswirken, sie zu ändern, bedeutet, Vertrautes hinter sich zu lassen. Vielen Menschen fällt dieser Schritt schwerer, als Krankheit und Unglücklichsein hinzunehmen.

Im Zuge der sogenannten Corona-Krise ist es für mich offensichtlich, dass an der Idee eines wohlmeinenden Staatsgefüges festzuhalten, vielen Menschen weitaus wichtiger ist als alles andere. Mit dieser Auffassung sind wir aufgewachsen und grundlegend — nicht nur bei einzelnen aktuellen Themen — in Frage zu stellen, ob unsere Gesellschaft in ihren Mechanismen eine nachhaltig funktionierende Basis aufweist, ist zu schmerzhaft und muss zum intellektuellen Sperrgebiet erklärt werden. Rainer Mausfeld beschreibt mit exzellenter Klarheit, wie Begriffe wie „Verschwörungstheorie“ gezielt eingesetzt werden, um manche Sichtweisen von vorneherein als nicht diskussionswürdig zu diskreditieren.

Was Vernunft ist, welche Sichtweisen eine Existenzberechtigung haben, wird genormt und in normopathischem Gehorsam akzeptiert.

Indem aktuell normopathisches Verhalten gefördert wird, überlässt man die eigentlich dringend notwendige Kritik an Systemen dann nicht selten Psychopathen, Menschen also, die eine naturgegebene Hemmungslosigkeit auszeichnet. Als in den 1950er Jahren Rassentrennung und eine extreme Entrechtung der Afroamerikaner in den US-amerikanischen Südstaaten gesellschaftliche Normen waren, haben brave weiße, sich selbst als Christen bezeichnende Bürger dies mitgetragen. Es war der Status quo, es war das Einzige, was sie kannten, es war ja auch völlig einsichtig und sie unterstützten es selbstverständlich. Doch in eben jenen Südstaaten lebte ein junger weißer Mann, der doch tatsächlich glaubte, vor Gott seien alle Menschen gleich. Er wurde ein erfolgreicher Prediger, gewann viele Anhänger, lebte dann eine Weile in San Francisco und wirkte dort auf die Lokalpolitik so ein, dass mehr Gleichheit für Afroamerikaner hergestellt wurde.

Sein Name war Jim Jones.

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