Wünschen wirkt Wunder

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26-06-20 04:05:00,

„Pass auf deine Träume auf“, sagt ein indianisches Sprichwort. „denn sie werden zur Wirklichkeit.“ „So ein Quatsch“, sagt der vernunftorientierte Mensch, „die Zeit der Träume ist längst vorbei.“

Wer träumt heute noch von einem besseren Leben für sich selbst und für seine Kinder, von einer Gesellschaft, in der die Menschen ein gemeinsames Ziel haben und zusammen daran arbeiten, es umzusetzen, von einer Welt, in der es keinen Hunger, keine Kriege, keine Ungleichheit gibt, in der jeder die gleichen Rechte hat und nach seinen Vorstellungen und Wünschen leben kann? Bei uns geht es vor allem ums Überleben, darum, möglichst schadlos, sicher und bequem durch das Leben zu kommen, dabei Schwierigkeiten möglichst aus dem Wege zu gehen und sich, wenn es doch brenzlig wird, möglichst effektiv davon abzulenken und aus dem Staub zu machen.

Diejenigen, die sich in die Drachenhöhle wagen, die in die verwunschenen Schlösser eindringen, die versuchen, schlafende Prinzessinnen und Prinzen aufzuwecken und den bösen Zauber zu überwinden, diejenigen, die das Leben nicht als eine Aneinanderreihung von Ärgernissen und Verdruss ertragen, sondern sich hinaus ins Abenteuer begeben — kurz: diejenigen, die nicht nur überleben, sondern leben wollen — sind selten geworden. Um mich herum sehe ich nur wenige, die sich dorthin bewegen, wo es rutschig und holprig wird und wo die eigenen Gewissheiten an ihre Grenzen stoßen.

Die Masse, die abwechselnd applaudiert und verhöhnt, lässt wenig Platz für Helden, die sich nicht mit dem Strom treiben lassen, die sich stattdessen mit einer weißen Fahne in die Höhle des Löwen wagen oder mit einem Grundgesetz in der Hand auf die Straße. Mit den Helden sind heute auch die Märchen und Legenden verkümmert und auch unsere Hoffnung, dass auf ein Abenteuer das gute Ende folgt. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass unsere Vorstellung von Zauberern und Feen, Kobolden und Riesen bevölkert wurde und wir an Wunder glaubten.

Meine Großmütter erzählten sie noch, die Geschichten von verloren geglaubten Heimkehrern, wundersamen Genesungen und unerklärlichen Begegnungen. Wunder, Rätsel und Geheimnisse waren noch nicht von Statistiken und Algorithmen abgelöst worden und in den Häusern stand anstelle des Fernsehers ein Kachelofen, an dem die Fantasie blühte und Träume warm gehalten wurden. Heute flimmern Ammenmärchen, Jägerlatein und Seemannsgarn technisch hochgerüstet über unsere Bildschirme und haben dabei ihren alten Charme längst eingebüßt. Denn wir erfinden sie nicht mehr selbst,

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