Über die Irrungen und Wirrungen an den Finanzmärkten während der Coronakrise – ein Interview mit dem Ökonomen Helge Peukert

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03-07-20 08:50:00,

An den Finanzmärkten geschehen derzeit seltsame Dinge: Zunächst im März der Crash an den Aktienmärkten als Folge der Corona-Pandemie, bei dem der Dax um weit über 30 Prozent nachgegeben hat – dann die plötzliche wie unerwartete und ebenso spektakuläre Erholungsrally. Das heißt, in einer Zeit, in der Ökonomen von einer „Jahrhundertrezession“ oder „dem größten wirtschaftlichen Einbruch seit den 1930er Jahren“ reden, befinden sich die Finanzmärkte in Jubelstimmung. In den USA hat die Technologiebörse Nasdaq sogar einen neuen Rekordstand erreicht. Über die aktuellen Absurditäten an den Finanzmärkten hat sich Thomas Trares für die NachDenkSeiten mit dem heterodoxen Ökonomen Helge Peukert[*] unterhalten.

Herr Peukert, im Februar haben Sie in Berlin auf einer Tagung mit dem Titel „Der nächste Crash als Chance“ die Eröffnungsrede gehalten. Im März war der Crash dann tatsächlich da. Hätten Sie damals gedacht, dass Sie so schnell von der Realität eingeholt werden?

Ja, wir sagten einen solchen Crash als Kassandras voraus, ahnten aber nicht, dass er bereits unterwegs war. Den Crash erwarteten wir, tagungsthemabedingt, von den überkomplexen und überdimensionierten Finanzmärkten (Stichwort Finanzialisierung), zu wenig Eigenkapital, dem Treiben der Schattenbanken, der Geldschöpfung in privatwirtschaftlicher Hand, der weltweiten Verschuldung, nicht-produktiver Kredite, skrupelloser Bad Bankers, und natürlich too big und too interconnected to fail and manage, und dann langte schon ein klitzekleiner Virus, man könnte sagen too little to detect and handle.

Kommen wir zur aktuellen Entwicklung. In der Mainstream-Ökonomie gelten die Finanzmärkte ja noch immer als effizient und rational, Sie hingegen sprechen von manisch-depressiven Märkten. Fühlen Sie sich durch all die Aufs und Abs, die seit Ausbruch der Corona-Krise an den Märkten zu beobachten sind, in ihrer Sichtweise bestätigt?

Ich fühle mich zunächst darin bestätigt, dass unser übergriffiges Verhalten gegenüber der Biosphäre und der Natur, momentan durch den Mahnruf einer zoonotischen Infektion mit einem klitzekleinen Virus, unsere „Zivilisation“ und unser Wachstumssystem, inklusive des Finanzsystems, alsbald in den Untergang führt. Darin liegt zunächst der Hauptwiderspruch, wie man es früher gelegentlich nannte.

Die Akteure auf den Finanzmärkten müssen kurzfristig reagieren, sonst werden sie schnell abgestraft. Die zutreffende Aussage, die übrigens sowohl von den Adepten effizienter Märkte (alles schon eingepreist) als auch von Verhaltensökonomen, die eher das volatil emotionale betonen, dass die Zukunft durch „radikale Unsicherheit“ gekennzeichnet ist, war nie so wahr wie heute.

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