700 Millisekunden können Karrieren schädigen

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07-07-20 07:34:00,

Beat Gerber

Beat Gerber / 07. Jul 2020 –

Digitalisierung und Schutzmasken verändern seit Corona die Verständigung. Das zeigt ein Tracing der nicht-virologischen Forschung.

Derweil Superspreader die Schweiz verunsichern und die Politik nervös reagiert, sieht sich unsere neu geschaffene Corona-Gesellschaft auch in der zwischenmenschlichen Kommunikation von Mensch zu Mensch mit neuartigen Herausforderungen konfrontiert. Die Schutzmassnahmen haben ungewohnte Folgen, die unser Empfinden und Verhalten meistens unbewusst beeinflussen und verändern. Solche Phänomene im coronasierten Alltag sind ein Fundus für die Wissenschaften ausserhalb der Virologie.

Vor einigen Jahrzehnten waren Ferngespräche sehr teuer, internationale Anrufe geradezu ruinös und Gespräche via Bild und Ton allenfalls Stoff für Science-Fiction. Heute ist die Videokommunikation übers Internet bei uns ein kostenloses Allgemeingut geworden, nicht zuletzt dank den Büros und Schulzimmern zuhause während des Corona-Lockdowns.

Audio unvereinbar mit Sprachgewohnheiten

Doch hauptsächlich beim Homeoffice hat sich eine gewisse Müdigkeit eingeschlichen, Experten sprechen von «Zoom Fatigue» (The Economist, 16.05.2020), benannt nach dem weit verbreiteten Videochat-Programm «Zoom». Oft wird der fehlende Augenkontakt bemängelt, der Hauptgrund für diese mentale Erschöpfung hängt aber mit dem Audio zusammen. Bei der Tonübermittlung widersprechen die Einschränkungen der Technologie den üblichen Sprachgewohnheiten.

Die meisten Kulturen folgen den Regeln eines kontinuierlich fliessenden, nicht überschneidendes Gesprächs («keine Lücken, keine Überlappung»). Diese Konvention wird dagegen in Online-Meetings zerstört oder zumindest gestört. Audio und Video werden in kleine Stücke geschnitten, über verschiedene Kanäle an den Empfänger gesendet und dann wieder zusammengesetzt.

Verzögerte Datenpakete mit Folgen

Eine solche Paketübermittlung ist technisch robust und leistungsfähig. Einige Datenpakete können jedoch aufgrund des Zusammenbaus verzögert werden, dabei hat die Software eine grundlegende Wahl: Warten und Verzögerungen verursachen oder bereits verfügbare Informationsinhalte sammeln und integrieren, was jedoch zu unerwünschten Fehlern, Störungen und schwerwiegenden Pannen führen kann.

Videoanruf-Plattformen verwenden in der Regel schnelles Audio in mittlerer Qualität. «Zoom» etwa will höchstens eine Verzögerung von bloss 150 Millisekunden zulassen – schneller als ein Augenzwinkern. Selbst wenn dieses Ziel erreicht wird (meist jedoch nicht, insbesondere im Fall einer Überlastung des Internets), ist die Zeit in der Praxis viel länger als bei theoretischer Betrachtung.

Mit der Regel «keine Lücken, keine Überlappung» beträgt in einem Face-to-Face-Gespräch die typische Ruhezeit beim Wortwechsel zwischen einer Person und der nächsten etwa 200 Millisekunden. Diesen Schwellenwert kann die Wartezeit aber leicht überschreiten,

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