Die wahre Sicherheit

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07-07-20 08:12:00,

Annahmen wie die Folgenden finden sich nicht nur in Netzdebatten auf der Seite des Bundesamtes für politische Bildung. Die Annahme, „die Freiheit kann nicht ohne die Sicherheit“ (1), und Freiheit wäre lediglich die „Abwesenheit von physischem und psychischem Zwang“ (2) sind weit verbreitet. Allerdings handelt es sich dabei nur um die negative Form der Freiheit, also der Freiheit „von etwas“. Ebenso weit verbreitet ist der Gedanken, dass „Sicherheit als die Abwesenheit sowohl von Gefahr als auch von Risiko definiert werden“ (3) kann. Dabei stellt eine so verstandene Sicherheit lediglich ein Mittel dar, um vor der Angst zu flüchten, die von einer positiven Freiheit ausgelöst werden kann. Die Gleichgültigkeit, die die Frage nach der Freiheit derzeit erfährt, könnte durch die aktuellen Entwicklungen böse Folgen haben.

Die These, dass Freiheit Angst auslöst, wird unter anderem von dem Philosophen Søren Aabye Kierkegaard und ebenso von dem Psychoanalytiker Erich Fromm vertreten. Beide verstehen unter dem Begriff Freiheit nicht nur die Abwesenheit von Restriktionen, sondern das wirkliche Vorhandensein von Möglichkeiten.

Wirklich vorhandene Möglichkeiten — also die Freiheit sich so oder so zu entscheiden, aber auch dieses oder jenes zu denken — kann für den Menschen beängstigend sein, da er in dem Moment, in dem er sich mit diesen konfrontiert sieht, sich selbst und der Welt orientierungslos gegenübersteht.

Diese Konfrontation führt zur Eigenverantwortung jedes Einzelnen im Bezug auf seine Handlungen und seine Gedanken; er muss selbst entscheiden, wofür er sich entscheidet. Somit ist jede Handlung und jeder Gedanke, der der Freiheit entspringt, unvorhersehbar und birgt damit automatisch ein gewisses Maß an Risiko.

Diese Vorstellung von Freiheit scheint eine so große Angst hervorzurufen, dass der Mensch ein Verlangen nach Orientierung und Vorhersagbarkeit entwickelt hat, das sich in der heutigen Gesellschaft zu einem wahnhaften Bedürfnis nach Sicherheit steigert: Sicherheit gestützt durch datenbasierte Analysen; Analysen über mögliche Folgen einer Handlung; Analysen über das Risiko von Investitionen; Analysen über die Produktivität von Mitarbeitern.

Die Liste wäre noch lange fortzuführen, aber der offensichtliche Unwille, sich der Freiheit und der aus ihr resultierenden Angst zu stellen, wird auch durch wenige Beispiele deutlich. Dieser Unwille hat zu einem Wissenschaftsfanatismus geführt.

Ein Glaubenseifer, der die Wissenschaft als unhinterfragten Wegweiser und anonyme Autorität anerkennt. Einem Großteil der Menschen gilt derzeit jeder wissenschaftliche Beweis oder jede veröffentlichte Studie als Appell an die eigene Verhaltensweise und fungiert als Orientierungspunkt mit normativem Charakter.

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