Die Normalitätsdressur

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22-07-20 02:58:00,

Wie sehr sich Menschen an neue Gegebenheiten gewöhnen und gemäß nach diesen handeln, selbst wenn die Notwendigkeit nicht mehr besteht, lehrte mich eine Beobachtung in der Zeit, als ich mich während meiner kaufmännischen Ausbildung in einem mittelständischen Betrieb befand. Da gab es diese eine, kurz vor ihrem Renteneintritt befindliche Kollegin, die einem Kafka-Roman hätte entsprungen sein können. Frau Besch — Name geändert — hatte so ziemlich den langweiligsten und an Monotonie kaum zu überbietenden Job, den man sich vorstellen konnte. Jahr um Jahr, ganze Jahrzehnte fristete sie ihr Dasein in einem kleinen Büro im hintersten Winkel des kleinen Firmengebäudes und verrichtete banalen Papierkram, der eine Beleidigung für jedes menschliche Potenzial darstellt.

Monotonie war das, was den Wesenszug von Frau Besch charakterisierte. So wie die Arbeit, die sie erledigte, so war sie selbst: Ein Rädchen im System, das Dienst nach Vorschrift verrichtete, nichts hinterfragte und tat wie ihr geheißen.

In aller Regel kam sie zwei Minuten vor mir an der fußläufig vom Firmensitz wenige Minuten entfernten Haltestelle an. So konnte ich sie immer aus etwa hundert Meter Entfernung beobachten, wie sie tagtäglich den gleichen Weg wie ich in Richtung Arbeit nahm. Beide Hände an den Riemen ihres Rucksackes und mit zum Boden gesenktem Blick trottete sie Richtung Büro, so wie ein Sims, dem man per Mausklick einen Befehl gibt, an eine bestimmte Stelle zu gehen.

Das Firmengebäude war über zwei Wege erreichbar: ein kurzer Weg, der durch eine kleine Parkanlage führt, und ein etwas längerer Weg, der einmal um den Block führte und etwa zwei Minuten mehr an Zeit beanspruchte. Um pünktlich auf der Matte zu stehen, nahm jeder der mit den Öffentlichen fahrenden Mitarbeiter selbsterklärend die kürzere Wegstrecke. Doch so kam es eines Tages, dass der kürzere Weg durch die Parkanlage aufgrund einer Baustelle blockiert wurde und man den etwas längeren Weg um den Block auf sich nehmen musste. Eine neue Normalität des Arbeitsweges.

So trottete Frau Besch — so wie ich und all die anderen — den alternativen Weg zur Arbeit. So weit so gut. Doch eines weiteren Tages kam es, dass die Baustelle wieder verschwand. Wenn es sich nicht gerade um den Berliner Flughafen handelt, haben das Baustellen so an sich, dass sie auch wieder verschwinden. Was nicht verschwand — die Gewohnheit der Frau Besch, die zweite und damit längere Strecke auch weiterhin zu nehmen.

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