Literarische Vorboten | Von Stefan Korinth | KenFM.de

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22-07-20 03:26:00,

Durch die Corona-Krise werden gesellschaftskritische Klassiker wieder aktuell.

Ein Standpunkt von Stefan Korinth.

Mit den Erfahrungen der Corona-Krise im Hinterkopf lesen sich viele altbekannte Buchpassagen, als wären sie ganz neu. Einige davon schildern die jetzige Situation so treffend, als seien sie speziell zum Thema Corona geschrieben worden. Oft geht es um Angst, Gehorsam oder Zensur. Es folgt eine Auswahl solcher Zitate, die zeigen, dass viele Krisenmechanismen und bestimmte menschliche Reaktionen gar nichts Neues sind. Wir sollten sie nur kennen und unsere Schlussfolgerungen daraus ziehen.

„Aber die Menschheit hat nun einmal komplett den Verstand verloren“ — Astrid Lindgren, 1942 (1).

Als der griechische Gesandte Megasthenes im späten dritten Jahrhundert vor Christus in Indien weilte, traf er auf Menschen, die Mullbinden vor Mund und Nase trugen. Es handelte sich wahrscheinlich um jainistische Asketen, erläutert der Historiker Raimund Schulz in seinem Buch „Abenteurer der Ferne“ über Entdeckungsreisen der Antike (2). Diese indischen Gläubigen ernährten sich vegetarisch und versuchten jegliches Leben zu schützen. Das ging so weit, dass einige den Boden fegten, bevor sie ihn betraten, damit sie nicht auf kleine Tiere traten, oder dass sie Mund und Nase bedeckten, um bloß keine Insekten einzuatmen.

Megasthenes erschuf aus diesen Eindrücken die Legende von „den Mundlosen“ — Menschen, die sich ausschließlich von Gerüchen und Düften ernährten. Die Mundlosen (altgriechisch: Astomi) gingen ein in die Liste antiker Wundervölker wie die Einäugigen oder die Hundsköpfigen. Auf solche Völker könnten Reisende treffen, wenn sie in unbekannte Weltgegenden vordringen — so die Sicht altertümlicher Autoren des Mittelmeerraums.

Na, und? Noch im vergangenen Jahr hätten Leser solche Buchpassagen wie die über die antike Mund-Nasen-Bedeckung wohl schnell wieder vergessen. Solche Geschichten wären zwar irgendwie skurril und erstaunlich, aber ohne Anknüpfungspunkt in der Realität gewesen. Doch heute ist das anders. Ob im Geschäft, in der Bahn oder auf der Straße — die Mundlosen sind überall.

Und so springen einem nun ständig Buchpassagen ins Auge, die in der Corona-Krise in einem ganz neuen Licht erscheinen. Manche scheinen menschliche Reaktionsweisen und bestimmte Begleiterscheinungen der Corona-Maßnahmen nahezu prophetisch vorherzusagen — man muss nur Details oder einzelne Begriffe austauschen. In anderen Fundstellen werden bestimmte politische Entwicklungen so treffend analysiert, dass diese Einsichten eins zu eins auf unsere derzeitige gesellschaftliche Krisenphase übertragbar sind.

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