Der neue Opfermythos

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23-07-20 02:22:00,

Die seit der Ukrainekrise akute Kriegsgefahr in Europa hat die Erinnerungen vieler Deutscher an den Zweiten Weltkrieg wieder wachgerüttelt. Aber es gibt immer weniger Zeitzeugen, die von dem Grauen dieses Krieges berichten können. Deshalb habe ich dieses Buch mit Augenzeugenberichten gemacht. Die persönliche Erinnerung der Soldaten ist wichtig angesichts der Aufrüstung in Deutschland und den immer offeneren Bekundungen des deutschen Verteidigungsministeriums, man müsse gegenüber Russland „Stärke zeigen“.

Auf dem Weg zu einer neuen nationalen Identität gibt Deutschland eine der wichtigsten Errungenschaften der Nachkriegszeit auf: ein gutes, entspanntes Verhältnis zu Russland.

Deutschland fällt in Riesenschritten zurück in eine politische Stimmung, die es in den 1950er- und 1960er-Jahren schon mal gab, als die Verständigung mit Russland in Westdeutschland als „Weichheit“, „Verrat“ und „Verbrüderung mit dem Feind“ denunziert wurde.

1985 wurde die Phase des Kalten Krieges mit einem Paukenschlag hochoffiziell beendet. Das erste Mal in der Geschichte Westdeutschlands erklärte ein Bundespräsident:

„Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung.“

Es waren die Worte von Richard von Weizsäcker während seiner Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes im Plenarsaal des Bundestages (1).

Weizsäcker sprach in seiner Rede 1985 auch über die Leiden des sowjetischen Volkes.

„Wir gedenken aller Völker, die im Krieg gelitten haben, vor allem der unsäglich vielen Bürger der Sowjetunion und der Polen, die ihr Leben verloren haben.“

Die Rede von Weizsäcker war der Versuch, die deutsche Gesellschaft auf die neuen politischen Realitäten einzustimmen. Deutsche Unternehmen suchten in Osteuropa zunehmend nach neuen Märkten.

Große Teile der Bevölkerung waren noch immer im Denken des Kalten Krieges verhaftet. Das war für die Interessen des deutschen Kapitals und auch für das Image Deutschlands in der Welt hinderlich.

Die Rede von Weizsäcker war auch ein Zugeständnis an die 1968er, die Pazifisten und Linken, die seit den 1950er-Jahren gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik gekämpft hatten, und es war eine Reaktion auf den Film „Holocaust“ (2), welcher die westdeutschen Fernsehzuschauer im Jahr 1979 das erste Mal seit 1945 mit den Verbrechen gegen die Juden in Deutschland und in Osteuropa konfrontierte.

Vielen Deutschen, die den Krieg erlebt hatten, gingen die Aussagen von Weizsäcker zu weit. War denn nicht Deutschland mit seinen Flüchtlingen, den „verlorenen Ostgebieten“ und den von Rotarmisten vergewaltigten Frauen selbst ein Opfer des Zweiten Weltkrieges?

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