Ein Jahr älter

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23-07-20 01:44:00,

Schon wieder ein Jahr älter! Wie die Zeit vergeht! Kaum ist der Körper zur Höchstform aufgelaufen, kaum haben sich Schönheit und Kraft vollends entfaltet, geht das Leben auch schon seinem Ende entgegen. Allzu schnell ist der Zenit überschritten. Kaum ist der Sommer da, schon werden die Tage wieder kürzer und die blühende Pracht beginnt zu welken. Noch zeigen sich die Blüten in farbenfrohem Gewand, noch stehen die Bäume in vollem Grün. Doch im voranschreitenden Sommer erahnen wir schon seinen unerbittlich nahenden Abschied.

„Man muss sie loslassen, die Jugend. Man muss sich neu machen und sich in einer neuen Zeit lieben, sich neu erfinden, neugierig bleiben. Werden Sie alt, als wären Sie Wein, riechen und genießen Sie das Aroma, ohne sich an das Gähnen zu gewöhnen“, schreibt die italienische Dichterin Cecilia Resio. Ich schenke mir ein Glas ein und lasse meine Gedanken über die vorbeifliehenden Monate und Jahre gleiten. Sie streifen meine Zeit des Suchens, des sich Setzens und des Weiterziehens, die süße Kindheit, in der die großen Ferien wirklich und wahrhaftig noch groß waren.

Heute ist es, als läge zwischen zwei Weihnachten ein Wimpernschlag. Kaum hat etwas begonnen, so ist es auch schon wieder zu Ende. „Vorbei, vorbei“, seufzt in dem Märchen von Hans Christian Andersen der Tannenbaum, als er abgetakelt aus der guten Stube verbannt wird, nachdem er sein Leben lang davon geträumt hatte, einmal Weihnachtsbaum zu sein. Als noch der Wind ihn küsste und der Tau Tränen auf ihn weinte, verstand der kleine Tannenbaum nicht, wie reich ihn seine Gegenwart beschenkte. Sein ganzes Leben verbrachte er damit, sich zu sehnen und die Freude auf später zu verschieben.

Ich schüttele meine Melancholie ab und sage mir, dass es immerhin besser ist, älter zu werden, als nicht älter zu werden. Schließlich lebe ich gern. In der sommerlichen Schwüle beginne ich, meinen Lebensfächer auseinanderzuziehen. Aus Jahren werden Tage, Stunden, Minuten. Immer weiter entfaltet sich das Akkordeon, bis es mir vorkommt, als sei mein Leben nicht eins gewesen, sondern zwei, drei, viele. Ich bin uralt und habe unzählige Leben hinter mir. Streift mein Blick so über den heutigen Tag, ist auch der Morgen schon eine Ewigkeit her. Was habe ich in den letzten Stunden gesehen, gehört, gespürt, gedacht, gesagt, getan? Welches Wort hat mich berührt, welcher Duft mich gestreift, welcher Geschmack mich überrascht?

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