Pandemische Wörter und ihre unterschiedliche Ansteckungskraft | Von Jakob Weiss | KenFM.de

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24-07-20 03:21:00,

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Vor dem „Systemrelevanten“ kommt das Lebensnotwendige. Über Corona, die Landwirtschaft und neue Wortschöpfungen.

Ein Standpunkt von Jakob Weiss.

Winzling COVID-19 hat der Krone der Schöpfung kurz den Meister gezeigt. Rasch wurde dabei klar, dass menschliche Gesellschaft – im Kleinen wie im Grossen – auch anders funktioniert, wenn sie genug besorgt ist und im Gewohnten nicht mehr weitermachen kann. Wir wurden weniger mobil, aber in den meisten mir bekannten Fällen nicht weniger lebendig. Manchmal mit paradoxen Folgen: Freiheitseinschränkungen entpuppten sich da und dort als Gewinn an Freiheit. Finanziell hat es etliche hart getroffen. Prekäre Familienkonstellationen brachen auseinander. Vielleicht aber bewirkt das Virus, dass in Zukunft einige „systemrelevante“ Berufe aus ihrer Geringschätzung, ausgedrückt durch verhältnismäßig schlechten Lohn, heraustreten können.

Wie das Virus die Sprache befiel

Im Sog von Corona haben sich nicht nur Verhaltensweisen, sondern auch etliche Wörter in „Vireneile“ ausgebreitet. Zum einen englische wie Shutdown oder Lockdown. Gibt es dafür tatsächlich kein deutsches Wort? Oder wird man ganz und gar verschüchtert angesichts der Deutlichkeit deutscher Ausdrücke – Ausgangssperre, (vorübergehende) Betriebsschließung, Stillstand? Wirkt die Fremdheit eines angeblichen Fachausdrucks kompetenter? Informiert uns das englische Wort besser?

Eine vertraute Bezeichnung wie Heimarbeit erinnert womöglich zu sehr an kleinbäuerliche Verhältnisse und Armut. Aber dass auch Arbeit zu Hause oder Hausunterricht keine Chance hatten gegen die sofort eingeführten Wörter Homeoffice und Homeschooling bleibt mysteriös. Warum Abstandhalten, zumindest anfänglich, hinter das auch im Englischen wenig elegante Social Distancing treten musste (womit überdies keine „soziale“ Distanzierung gemeint war), ist schwierig zu verstehen.

Die Selbstverständlichkeit in der Handhabung des neuen Vokabulars wirkte vorgetäuscht. Vielleicht ist es aber auch einfach so, dass in Zeiten des außer Kraft gesetzten Föderalismus immer die Dollarsprache übernimmt, um die unterschiedlich starken Landessprachen sozusagen gleichberechtigt zu brüskieren.

Nicht nur Worteinwanderungen brachten Neues, auch der deutsche aktive Wortschatz selber hat sich verändert. Jedenfalls war mir „Vorerkrankung“ bis zum März 2020 kein geläufiger Ausdruck, während mich jetzt der Verdacht beschleicht, alles auf der Welt sei womöglich schon ein bisschen vorerkrankt.

Unerfreulich war es zudem,

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